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Donnerstag, 3. Oktober 2013

Es (spiel)platzt der Kragen

Jeder, der mich ab und an liest, weiß, dass ich kein großer Freund des Spielplatzkosmos bin. Was aber nicht heißt, dass ich mich mit meinen Kindern dort nie blicken lasse. Im Gegenteil. Wir sind sehr oft dort zugange - und wie schon erzählt, gehöre ich eher zu den abseitsstehenden Handymüttern, die sich von anderen Nicht-Handy-Müttern fernhalten. Gestern stand ich also fernab von Gut und Böse beim Kinderwagen und bewachte das schlafende Mäuschen. Himmel und Menschen hatten sich wegen des schönen Wetters dort versammelt und es wimmelte nur so von dreckigen Kindern, verklebten Babys und schwatzenden Müttern. Ein Bild des Grauens für mich.

Aber darum soll es ja heute gar nicht gehen.
Ich stand also beim Kinderwagen und beobachtete die Maus. So wie immer, denn ob Handy oder nicht - ich lasse meine Kinder nie aus den Augen. Sie hatte großen Spaß beim Tunnelrutsche rutschen und rannte wieder und wieder den staubigen Berg hoch, um ein weiteres Mal mit einem schrecklich quiekenden Geräusch die Sause zu machen. Unten standen - wie immer - ein paar besonders spaßige Gesellen, die keine Freude am Rutschen, wohl aber am Sandwerfen und Stöckereinstecken hatten. Große, diabolische Freude. Neben mir im Sand saß ein etwa sechs Monate altes Baby, das trotz kalter Temperaturen keinen Body trugt (was mir auch noch nie begegnet ist in diesem Alter), in Ruhe Sand futterte und sich seines Lebens freute. Direkt neben dem Baby hielten es zwei Achtjährige für eine super Idee, mit einem Riesenast auf den Sand zu schlagen. Soweit das Szenazio.

Ich beobachtete relativ angespannt und argusäugig sowohl das Rutsch- als auch das Riesenastgeschehen, bis letzters mit zu bunt wurde. Mit supergrummeligem Fremdmuttergesicht wies ich die zwei Asthelden drauf hin, dass es doch eher uncool wäre, das Baby mit dem Ast zu erschlagen, so dass die beiden sich genervt und verschämt trollten. Ob das Baby überhaupt eine Mutter oder einen Vater dabei hatte, war mir nicht ersichtlich. Vielleicht war es auch heute alleine unterwegs, hatte sich robbend zum Spielplatz geschleppt oder war mit dem Bus angereist, in dem es möglicherweise seinen Body gegen eine Fahrkarte eingelöst hatte. Wer weiß das schon genau?

Nachdem ich diese Gefahrenquelle für wildfremde Winzlinge gebannt hatte, widmete ich mich wieder meiner rutschenden Quiektochter. Ein paar arme Rutscher bekamen schon eine nicht unbeachtliche Menge Sand ins Gesicht und in die Augen und ich schaute mich - wie immer - nach den Müttern der Wurfterroristen um. Gefühlte 100 Frauen standen ziemlich abseits in Grüppchen, schlürten Kaffee und tauschten sich über Gott und die Welt aus - nur keine schien zu diesen Rotzgören zu gehören. Ich beschoss, die kleinen Randalebrüder und -schwestern mit ein paar meiner gefürchteten "Hör sofort damit auf, sonst..."-Blicken zu beschießen, was offensichtlich null fruchtete.
Und da passierte es: Die Maus kam unten aus der Röhre und bekam eine mit Perfektion gezielte Portion Sand mitten in die Augen. Riesen Geschrei ihrerseites, Lachen aufseiten der Terrorkinder - und eine Grummelmama, der in diesem Moment die Sicherung durchknallte. Ich rannte zur Rutsche, packte mein Kind, wischte ihm den Sand aus den Augen und brüllte zuerst die Attentäter an, warum sie eigentlich auf dem Spielplatz keinen anderen Spaß fänden, als anderen Kindern Sand und Stöcke auf und in den Kopf zu befördern und dass sie mich mal erleben sollten, wenn ich sowas nochmal mitbekäme!

Dann schnappte ich mir, die Maus unter den einen Arm geklemmt, den Buggy mit dem noch immer schlafenden Mäuschen und stürmte in Richtung der Quasseltratschmuttis. Unfassbar geladen brüllte ich in ihre Richtung, ob sie es eigentlich normal fänden, dass ihre Blagen ungestraft die ganze Zeit Mist anstellen könnten, ohne dass es hier irgendjemanden juckte - und dass ich entgültig die Schnauze voll davon hätte, dass hier keiner einschreitet, weil Klatsch und Tratsch und Kaffee scheinbar wichtiger seien, als auf seine Rotzgören aufzupassen. Dann stürmte ich wutschnaubend weiter und verließ unter ungläubigen Blicken und bösartigstem Kopfschütteln das Spielplatzgelände.

Tja. Ich bin nicht sicher, ob ich mich dort je wieder blicken lassen kann, ohne durch die Vogelfreiheit einer durchgeknallten Mutter größter Gefahr ausgesetzt zu sein. Aber ich würde es immer tun. Es ist wirklich unglaublich, wie wenig es die meisten Eltern kratzt, wenn Ludwig, Jette und Ben-Maximilian gezielt mit Stöcken in die Rutschröhe holzen, Sand hineinwerfen oder an anderer Stelle mit dreikäsehochgroßen Blechschaufeln oder mannslangen Ästen um sich schlagen. Antiautoritär mögen es die einen nennen - für mich ist das totalstes Desinteresse und eine Gefährdung für meine Quiekkinder. Oder lasst es mich kurz mit einem geliehenen Werbesloagan ausdrücken:

 Elite-Spielplätze.de: Ökodemiker & Muddis ohne Niveau.

Ein Nachtrag: Falls die Darstellung im verärgerten Eifer des Gefechts zu einseitig war, möge man mir verzeihen. Auch mein Kind ist kein Unschuldslamm. Quasi jedes Kind kann zum Spielplatzschreck mutieren und man darf schon in jungen Jahren den Gruppenzwang nicht unterschätzen - aber wenn sich MEIN Kind derartig benimmt, reicht mein oben beschriebener Blick meist aus, um dies sofort zu unterbinden. Und wenn nicht, verleihe ich dem Blick auch gerne Nachdruck, indem ich die Randalemaus aus dem Geschehen entferne. Danke. Weitermachen.

Dienstag, 24. September 2013

Forum Mamarum

Vor meiner ersten Schwangerschaft meldete ich mich voll motiviert und hormonell schwer verwirrt in einem großen Mamaforum im Internet an. Schnell fand ich auch die für mich passende Gruppe von Frauen, die wie ich schnellstens schwanger werden wollten. Ich freute mich wie eine Schneekönigin! Es dauerte eine Weile, bis ich die ganzen internen Kürzel für Ereignisse verstand, mit denen ich bis dato nichts zu tun gehabt hatte:
  • ES = kein Roman mit einem mordlustigen Clown, sondern der Eisprung, der mit vielen Tricks perfekt  vorhergesagt werden kann
  • NMT = diese drei unscheinbaren Buchstaben können sogar zwei Bedeutungen haben: für die Hibblerinnen ist es der Nicht-Menstruations-Tag, für die Verhüterinnen der Normal-Menstruations-Tag
  • SS = nicht die Schutzstaffel der NSDAP (die mich in einem Mamaforum auch wirklich sehr verwirrt hätte), sondern einfach die Schwangerschaft
  • Hibbeln = tue ich normal, wenn ich dringend muss, aber nicht kann - soll hier aber die Tätigkeit von Frauen beschreiben, die darauf warten, endlich schwanger zu werden
  • ZS = keine ehemalige saudi-arabische Billigfluggesellschaft, sondern etwas noch Schlimmeres - die zwei Buchstaben kürzen das unschöne Wort Zervixschleim ab
  • ÜZ = nicht die niedliche Abkürzung eines schweizerischen Altherrennamens, sondern schlicht für den Übungszyklus. In diesem Zyklus wird nichts anderes "geübt", als schwanger zu werden - und zwar nicht durch profanen Sex, sondern durch Herzeln
  • ET = kein süßer Alien-Langfinger, sondern das, was all dem Abkürzungshorror endlich die Krone aufsetzen soll: der Entbindungstermin
Diese und zahlreiche andere Neuheiten der Sprachwelt jenseits meines Horizontes lernte ich also brav und konnte schnell ebenso über Tempi-Kurven und ZS-Ausprägungen fachsimpeln wie die alten Mama-Hasen. Soweit, so lustig. Als ich dann überraschenderweise schon im ersten ÜZ schwanger wurde, wechselte ich euphorisch in die passende Gruppe Frauen, die im gleichen Monat wie ich ET hatten. Zunächst war all das auch wirklich noch nett, informativ und spannend. Gleichgesinnte zu finden hat für mich immer den AA-Charakter (ja, ich meine die Anonymen Alkoholiker und nicht etwa einen "Absoluten Anovulationszyklus"):
"Hallo. Meine Name ist Grummelmama und ich bin Hibblerin." "Hallo, Grummelmama."
Zuerst ist es toll, sich unter ähnlich tickenden Menschen zu befinden, aber schnell artet diese Art Gruppenkuscheln auch aus.

Nach einigen Wochen hatte ich das Forum jedoch durchschaut. Und mit ihm die Mütter, die sich dort so tummeln. (Und nicht nur dort, wie ich viel später erst rausfinden sollte)

Im Grunde ist so ein Forum ganz einfach erklärt. Es gibt das Klischee der Übermutter und das der Rabenmutter - und für eins der beiden musst du dich entscheiden. Und dann gibt es da noch die Hauptthemen, die wieder und wieder und wieder (und wieder) durchgekaut werden und regelmäßig zu den schlimmsten Zickenkriegen führen, die ich jemals miterleben durfte:
  • Rauchen in der Schwangerschaft
  • Alkohol in der Schwangerschaft
  • Impfen oder nicht
  • Gehfreis und Türhopser
  • Ohrlöcher bei Babys und Kleinkindern
  • Richtige und falsche Bauchtragen
  • Stillen
  • Schlaferziehung
Diese Themen und ihre Abwandlungen findet man jeden Tag - und die Tragik daran war, dass ich mich viel zu oft auf sie einließ. Ich kann gar nicht sagen, wieviel kostbare Lebenszeit ich drauf verwendete, meine Ansichten zu vertreten, mich zu streiten und mich auf unnötige Diskussionen mit wildfremden Menschen einzulassen, die vom Thema ungefähr so viel Ahnung haben wie eine Stubenfliege von Kurvendiskussionen. Es ist unfassbar, auf wieviel Dummheit, Ignoranz und Unwissenheit man in einem solchen Forum treffen kann. Unfassbar, unheimlich und ungelogen unerträglich. Leider brauchte ich mehrere Jahre, um mich gänzlich aus dieser anstrengenden Welt herauszuhalten und im Stillen für mich zu klären, dass ich weder eine Raben-, noch eine Übermutter bin und keinen inneren Auftrag mehr verspürte, das Leben und die Meinungen anderer zu ändern.

Es gibt einfach Dinge auf dieser Welt, speziell wenn es um Babys und Kinder geht, die für mich keine Diskussionen mehr zulassen. Im Gegenzug dazu ist es aber auch unter aller Kanone, regelmäßig zu vergessen, dass man im Internet mit Menschen und nicht nur mit Nicknames und Pseudonymen zu tun hat und auf eine derart respektlose Weise mit jemandem kommuniziert, wie man es nicht einmal mit seinem schlimmsten Feind tun würde.

Fazit von all dem ist: Frauen untereinander sind anstrengend - und wenn diese dann noch frustrierte Hibblerinnen oder gar schwanger sind, gibt es kein Halten mehr. Jede weiß es besser und ist die Tollere, selbst wenn sie noch gar keine Ahnung hat, was du eigentlich willst. Und ich kann nur jeder Frau, die Kinder hat oder möchte, raten: Mach einen großen Bogen um Mütter- und Schwangerenforen und lerne stattdessen das Stricken oder eine Fremdsprache. Aber was rede ich? Ihr hört sowieso nicht auf mich. Und warum? Weil wir Frauen das brauchen. Irgendwie liegt all das doch in unserem Blut - und Hand auf's Mutterherz:
Es gibt Tage, an denen ist es durchaus entspannend, seinen Frust und seine Aggressionen in einem Streitgespräch über Bauchtragen wegdiskutieren zu können - so unbefriedigend es am Ende auch ausfallen wird.


Mittwoch, 18. September 2013

Zweinzelkind

Die Maus ist im Kindergarten, ich gieße mir eine heiße Tasse Kaffee ein, werde langsam fit und spiele mit dem Mäuschen auf dem Teppich im Wohnzimmer. Sie schleppt mir Bücher an, die wir schon hunderfach angesehen haben, macht "Wau!" zu allem, was vier Beine hat, rennt auf ihren kleinen Beinchen durch die Wohnung und ist so schnell von allem begeistert, was man mit ihr macht. Oder wir gehen spazieren, bummeln gemütlich mit dem Kinderwagen durch die Altstadt. Sie zeigt auf alles und winkt jedem, alles ist "Bau!" (Baum, ihr neustes Lieblingswort), sie lässt mich sogar in Kleidungsgeschäften nach langweiligen Mamasachen gucken. Dann setzen wir uns an den Markt oder an den See und spielen Nachlauf oder Ball -  und ist dabei so niedlich, ich könnte sie einfach nur knuddeln.

Das Mäuschen ist beim Papa und die Maus und ich machen Große-Mädels-Nachmittag zusammen. Das ist unser monatliches Ritual und wir genießen es beide sehr. Wir gehen in die Stadt, lesen stundenlang Bücher in der Kinderecke der Stadtbücherei, gucken uns jedes Spielzeug im Kinderladen genau an, kaufen auch meistens eine Kleinigkeit, futtern ein Eis beim Lieblingseisladen oder Crêpes am Marktstand. Dann geht es noch auf den Spielplatz, wenn das Wetter mitspielt und wir rutschen, rennen, schaukeln und toben.
Sie ist so ein Schatz, schon meine richtig große Maus, mit der man Spaß haben und sich unterhalten kann -
und ist dabei so süß, ich könnte sie einfach nur knuddeln.

Doch wehe, wehe sie treffen aufeinander!

Sobald die Maus die Augen aufmacht und das Mäuschen ins Zimmer stürmt (wir sind meist schon vor der Großen wach) ist die Ruhe und Niedlichkeit vorbei. Beide verwandeln sich binnen Sekunden in Stressmonster! Mäuschen zieht Maus an den Haaren, Maus jagt Mäuschen durch die Wohnung (finden alle spaßig, nur die Mama nicht um diese Uhrzeit), Mäuschen wirft Mausens Stifte durch das Zimmer, Maus schreit wegen dieser Aktion Zeter und Mordio, Maus versteckt Mäuschens Schnuller so im Bett, dass dieses ihn nicht mehr finden kann, Mäuschen brüllt wegen dieser Aktion wie am Spieß.

Sobald die Maus aus dem Kindergarten kommt und das Mäuschen Mittagsschlaf gemacht hat, ist die Ruhe und Niedlichkeit wieder vorbei. Beide verwandeln sich binnen Sekunden in Terrormäuse! Mäuschen lässt Maus nicht in Ruhe mit Mama ein Buch angucken, Maus sieht es nicht ein, dass Mäuschen mit ihrem Playmobil spielt, Mäuschen hat keine Lust zu warten, bis Mama und Maus ein Bild beklebt haben und wütet in der Küche, Maus hat keine Lust zu warten, bis Mama und Mäuschen Bauklötze gespielt haben und sitzt laut meckernd und trotzig in der Ecke.

Es könnte alles so einfach sein. So schön. So friedlich. So perfekt - wenn man ein Zweinzelkind hat. Sobald daraus jedoch ein Geschwisterkind wird, ist es nicht mehr zu bremsen. Beinahe unheimlich, wie Kinder diesen Schalter umlegen können. Und auch verständlich. Nichtsdestotrotz auch grauenvoll anstregend für die arme Mutter, die sich in solchen Momenten sogar sträflich an Goethe vergreift:

Zwei Seelen wohnen, ach! in ihrer Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält in derber Schwesternlust
sich an die Maus mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Frust
zu den Mäuschens Stofftierahnen. 


Und wie immer tue ich das, was man als Mutter immer tut. Ich warte, bis eine bessere Zeit kommt, in der wir alle drei gemeinsam auf dem Teppich im Wohnzimmer spielen und Bücher ansehen können und bis ich keine Zweinzelkinder mehr brauche, um sie zum Knuddeln süß und niedlich zu finden. Und falls jetzt hier jemand liest, der schon ältere Kinder hat als ich: 

Bitte zerstört nicht meine Hoffnungen. Lügt einfach. 


Sonntag, 18. August 2013

Größenwahnsinn

Wir schreiben das Jahr 2013, es sind 27°C im Schatten und es ist Mitte August. Die Kinder plantschen in Badehosen im Garten oder toben mit Sommerkleiden oder Spaghettitops, kurzen Hosen und Sandalen auf dem Spielplatz herum. Alles könnte so schön sein - wenn nicht die Kleidungsindustrie wie jedes Jahr schon beschlossen hätte, die Herbst/Winter-Kollektion 2013/14 in die Läden zu hängen.

Ja, in einer Zeit, in der die Supermarktketten im Sommer schon die ersten Nikoläuse und Gebäckmischungen anbieten, muss König Kunde sich auch schon im Hochsommer die Wollpullis und Strickwesten in den Geschäften angucken, während er schwitzend in einem Hauch von Nichts durch die klimatisierten Läden bummelt. Aber was hat das für Auswirkungen auf uns?
Für mich fühlt es sich leider ab dem ersten Herbstmodemoment so an, als wäre der Sommer schon vorbei. Ich spüre geradezu, wie das Laub sich verfärbt, die Abende kühl und kurz werden und der Geruch des ersten Schnees naht. Und das oft schon im Juli, bevor der Sommer überhaupt auf Touren gekommen ist. Das macht mich traurig, weil ich ihn oft gar nicht richtig genießen kann.

Für die Eltern unter uns bedeutet dieser Jahreszeitenkuddelmuddel aber noch etwas ganz anderes, was uns auf eine der härtesten Proben überhaupt stellt: Fröhliches Größenraten.
Woher soll ich bitte im August wissen, welche Jackengröße Mäuschen im November hat oder welche Größe die Winterstiefel für die Maus haben müssen? Geschweigedenn zu ahnen, ob das Mäuschen dann überhaupt schon welche braucht! Dasselbe Spiel spielt man als Mutter auch gerne umgekehrt, wenn man im tiefsten Winter in den Geschäften die ersten Sommersandalen findet und nicht weiß, ob man vor Lachen oder Weinen zusammenbrechen soll. Wenn jetzt jemand denkt "Dann kauf das halt, wenn die Zeit reif ist...", muss ich leider grummelig den Kopf schütteln. Wie oft habe ich - total dreist und frech - im Juli noch Sandalen für ein Kleinkind gesucht! Alles ausverkauft, kaum noch Größen zur Auswahl, so die genervten Antworten von Verkäuferinnen. Und der Schuhsupergau dann letzten Winter, in dem die rücksichtslose Maus doch aus ihren im Spätsommer gekauften Winterstiefeln rausgewachsen und NIRGENDS Ersatz aufzutreiben war. Weder online noch in Läden. Ob das Kind nur meiner Bitte, seine Füße nicht mehr so schnell wachsen zu lassen, nachkommt, ist fraglich bis unsicher.

Was sind wir? Eltern! Und was wollen wir? Winterschuhe im November und Sommersachen im Juli!
Ich jedenfalls habe die Schnauze voll vom Größenroulette und den Ratespielen - und ganz ehrlich habe ich auch keinen kleinen Esel, der sein Schwänzchen hebt und Euronen kackt, damit ich mehrere Größen für jede Jahreszeit abdecken kann, um auch mal einen Treffer zu landen.

Sonntag, 11. August 2013

Mama No Go (1)

Wir alle kennen die seltenen, entspannenden und wundervollen Abende, die nur uns gehören und die wir mit Freundinnen außer Haus im Kino, im Biergarten oder beim Shopping verbringen können. Raus aus der Routine des Windelnwechselns, des ewigen "Mamaaaaa!"-Gerufes, der Habachtsonstfälltdaskindsichdiezähnerausstellung... Entspannend, befreiend, unglaublich wichtig.

Und dann passiert es, dass man sich mit einer anderen Mutter trifft, die man noch nicht so gut kennt und die scheinbar die heiligen Regeln des kinderfreien Abends oder Nachmittags irgendwie so gar nicht kapiert, oder schlimmer, noch nie davon gehört hat. Man sitzt also da, schlürft genüsslich am ersten Mojito, will gerade das Mamahirn aus- und das Nur-Ich-Hirn einschalten, da passiert es: Die andere Mutter redet von ihren Kindern. Vom Windelnwechseln, vom ewigen "Mamaaaa!"-Gerufe und von der Habachtsonstfälltdaskindsichdiezähnerausstellung. Nicht so tragisch, mag jetzt manche Leserin oder mancher Leser denken - aber was, wenn sie nicht mehr damit aufhört? Wenn sie den kompletten ersten und zweiten Mojito lang von nichts anderem redet? Auch noch nicht so tragisch? Na gut, aber was, wenn sie beim dritten Mojito (den nur ich trinke, weil ich sonst laut schreien muss) anfängt, mir ein Kinderbild nach dem anderen auf ihrem Handy zu zeigen und bei der Suche dort dann auch noch auf ein paar niedliche Videos der putzigen Kleinen stößt? Jaha, JETZT wird die ganze Tragweite eines solchen Treffen klar, oder? Und wenn dann auch noch jeder Versuch, das Gesprächsthema auf etwas anderes zu lenken, knallhart und eiskalt abgeblockt wird, dann hilft wahrscheinlich auch kein vierter Mojito mehr. Kann aber auch nicht schaden.

Liebe mir noch fremde Mütter, die sich in nächster und ferner Zukunft mit mir treffen wollen:
Ich nutze meine kinderfreien Abende tatsächlich dazu, mich zu entspannen und aus meinem Alltag zu entkommen. Ich rede sicherlich auch mal über meine Kinder, keine Frage. Aber ich rede nicht über Einschlafrituale, Stuhlgewohnheiten, Kinderkrankheiten, die Farbe des letzten Erbrochenen, die Freundinnen der großen Schwester, die Wandschmierereien der Kleinsten, meine schlaflosen Nächte, deine schlaflosen Nächte und schon gar nicht rede ich über persönliche Dinge wie meine Ehe und deren Streitereien.
Ich rede über Musik und Schuhe und Bücher und Filme und Shopping und die Welt, über das Leben und wegen mir auch über die aktuelle Tagespolitik.
Wenn ihr über nichts anderes reden könnt, als eure Kinder, dann muss ich leider davon ausgehen, dass ihr in eurem Leben nichts anderes mehr habt, worüber es sich zu sprechen lohnt. Und dann tut ihr mir leid und habt mein tiefstes und ehrlich empfundenes Mitgefühl. Aber bitte, bitte: trefft euch mit euresgleichen.
Denn ich bin zwar Mutter, aber eben nicht nur. Ich bin immer noch die Frau, die ich VOR den Kindern war. Wo ist die Frau hin, die ihr vorher wart?

Und an alle anderen: Ihr wisst, welche Art Mutter ich meine. Ich lästere über sie, ich mache Scherze auf ihre Kosten - aber eigentlich ist es wirklich verdammt traurig, so zu sein. Auch für die Kinder. Wäre ich auch nur ansatzweise so wie sie, würden meine Kinder keine Grummelmama, sondern eine Trauerkloßmama haben. Und das permanent.

In diesem Sinne: Haut rein und genießt euer Frau-Sein! Und vergesst nicht, das schlechte Gewissen an der Haustüre dem Papa oder Babysitter abzugeben, bevor ihr geht!
Und noch eine Anmerkung der Ich-Redaktion: Alkohol ist nicht immer eine Lösung, gerne darf auch eine Cola oder ein Virgincocktail getrunken werden - nur, damit wir uns richtig verstehen ;)

Mittwoch, 7. August 2013

Erziehung?

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit der Maus mal wieder ins Freibad getraut, immer im Stillen hoffend, dass dieser Besuch der Letzte für diesen Sommer sei. Im Grunde war zu Anfang auch alles okay. Es war nicht zu voll, nicht zu warm, nicht zu laut. Mann und Mäuschen haben wir kurzerhand zu Hause gelassen, um das Stresspotential zu minimieren und so konnte ich einfach das tun, was ich dort immer tue:
besonnenbrillt und mit der Aufmerksamkeit eines Erdmännchenweibchens auf einer Bank am Rand des Kinderbereichs sitzen und mit Tunnelblick die Maus im Auge behalten. Es war allerdings nicht so ein Kindereintopf im Becken wie sonst, so dass Zeit blieb, mir auch die fremde Brut etwas zu betrachten. Wie immer gab es die Spielsachenmopser, die übertriebenen Wasserpistolisten, die niedlichen aufgerüschten Badenixen, die schüchternen Sitzerchen und die sehr lauten Planschegeister. Zu laut. Maus gehört dazu.

Doch an diesem Tag stach ein Kind besonders aus dem Tumult heraus: Ein etwa 9jähriger Junge, offentsichtlich mit Down Syndrom, spielte im Babybecken mit einem Eimer. Soweit die Fakten, die die meisten Eltern registrierten. Dann die Fakten, die die meisten Eltern als nächstes präsentiert bekamen: Der Junge rastete plötzlich komplett aus und fing an, die kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Jungs um ihn herum wirklich ziemlich brutal zu schlagen - bis sein (auch noch) dunkelhäutiger Vater entsetzt ins Becken rannte und ihn von den anderen trennte. "Wie kann man mit so einem Kind nur in ein Schwimmbad gehen?". "Die sind doch alle so brutal, ganz schlimm". "Warum war der Vater nicht direkt bei ihm, war ja klar, dass das nicht gut geht!" - solche und noch uncharmantere Sätze brummelten die Mütter um mich herum ihren Erdmännchenweibchennachbarinnen zu.

Und ich hätte gerne gekotzt. Entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber das ist etwas, was mich einfach unfassbar krankärgert. Denn das, was zwischen Fakt 1 und Fakt 2 passiert ist, ist scheinbar niemandem außer mir aufgefallen: Die kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Jungs, auf die der Down-Junge losgegangen war, hatten ihn die ganze Zeit geärgert, mit Wasser bespritzt und beschossen und ihm Dinge zugerufen, die ich nicht verstehen konnte. Und er ließ sich diese Behandlung auch wirklich eine Weile gefallen, doch dann wurde es ihm einfach zu viel, er fühlte sich sichtlich bedrängt und sah rot. Was ich komplett verstehen kann. Und dann war er den Kindern körperlich überlegen, eben weil er ein paar Jahre älter als sie zu sein schien.

Leider war der Papa mit seinem Sohn weggestürmt, bevor ich die Sachlage aufklären konnte, was ich wirklich gerne getan hätte - und noch jetzt ärgere ich mich, dass ich nicht einfach eingegriffen und die Jungs zum Aufhören ermahnt habe, aber sich in solche Dinge einzumischen wird einfach nicht gerne gesehen am Muddipasstnuraufihrblagaufbecken. Und ich frag mich nun nicht, wie man mit so einem Kind nur in ein Schwimmbad gehen kann oder denke, dass "die" doch alle so brutal sind oder warum sein Papa nicht direkt bei ihm war, weil er sich doch hätte denken können, dass das nicht gut geht - ich frage mich völlig sprachlos, wo denn die Eltern der Jungs waren, die in aller Seelenruhe einen Jungen piesacken und ärgern konnten, ohne dass ihnen Mutter oder Vater klarmachen, dass sowas einfach aller unterste Schublade ist?

So läuft es so oft. Und hier versagt die Erziehung total. Und genau aus solchen Gründen wird es nie ein richtiges und respektvolles Miteinander geben können. DAS gehört für mich eben zu einer guten Erziehung dazu. Hier hat ganz klar die Gesellschaft versagt. Nicht der Papa des Jungen, der einfach nur einen schönen, vielleicht letzten Hochsommertag für dieses Jahr haben wollte. Kinder wissen es vielleicht noch nicht besser, aber die Reaktionen der Frauen um mich herum zeigen leider deutlich, welcher Art die Aufklärung sein wird, die sie ihren Kindern zukommen lassen werden.

Leute, denkt doch einfach mal nach, bevor ihr so, entschuldigt, bescheuert seid und die schlimmsten Vorurteile, die es gibt, auch noch an eure Kinder weiterreicht. Danke.