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Dienstag, 22. Oktober 2013

WC-Day

Manchmal gibt es Tage, an denen hätte man lieber im Bett bleiben sollen. Heute ist so ein Tag. Das Wetter ist grau und kühl, obwohl es heute der schönste Tag in der Woche werden sollte, das Mäuschen ist mit dem falschen Fuß aus dem Schlafsack gekrochen, die Maus ist in allerbester Kleineschwester-Ärger-Laune und zu allem Überfluss habe ich mir auch noch mit dem fiesesten Brotmesser tief in den Finger geschnitten. Memo an mich: Auch die linke Hand ist sehr wichtig für mütterliche Tätigkeiten einer Rechtshänderin. Und mit jeder Handlung, jedem Schritt oder jeder Begegnung mehr an einem solchem Tag ist man sich sicher, dass dieser Tag ein richtiger Griff ins Klo ist.

Kennt ihr solche Tage, an denen ihr schon ganz kurz nach dem Aufstehen merkt, dass euch alles auf den Pinsel geht? Dass ihr heute lieber mit jemandem tauschen würdet, der keine Kinder und keine Verpflichtungen hat, vielleicht ein Häuschen am Strand mit einer Hängematte an einer Palme besitzt und den ganzen Tag nichts zu tun hat als dort zu hängematten und zu lesen? Stellt ihr euch auch manchmal vor, wie es wäre, einfach die Koffer zu packen und all dem Irrsinn zu entfliehen, nur für ein paar Tage?

 Habt ihr auch solche Momente, in denen ihr schon beim kleinsten Blick in den Spiegel einfach schreien und wegrennen wollt, in eine dunkle Höhle, wo euch niemand sehen kann? In denen NICHTS aus dem Kleiderschrank auch nur ansatzweise passen oder gar gut aussehen will und ihr auch nach gefühlten Stunden des Zurechtmachens auszusehen scheint wie Olchi-Mama? Und dann geht man aus dem Haus, weil man eben aus dem Haus gehen MUSS, weil man eben NICHT in einer dunklen Höhle wohnt, in der man sich verkriechen kann - und dann trifft man ständig Frauen, die aussehen wie verfluchte Victoria's Secret Models, die so tun, als wäre es der beste Tag der Woche - nur werden sie dir nie ihr Geheimnis verraten...

Erinnert ihr euch an solche Zeiten, in denen ihr auf gar nichts mehr Lust hattet und einfach nur die Zeit anhalten wolltet, um kurz darüber nachzudenken, wie es wohl wäre, euch für die spannende Karriere einer Kampfjetpilotin entschieden zu haben oder zusammen mit anderen perfekt aussehenden Menschen um die Welt zu reisen, um Photos von exotischen Orten für Hochglanzmagazine zu schießen? Denn solche Menschen müssen natürlich keine Wohnung putzen, sich überlegen, was es zum Abendessen gibt, öde Einkäufe erledigen oder alle drei Sekunden eine Kinderrotznase abwischen. Ja, ich glaube sogar zu wissen, dass solche Menschen nicht mal zur Toilette gehen oder essen müssen!

Und dann sitzt man da, mit einem Kaffee in der Hand und denkt an die Zeiten zurück, in denen man in der anderen Hand statt einer Butterbrezel noch eine Zigarette hielt (zumindest mein altes Laster) und die größte Sorge des Tages die war, dass sich eventuell Langeweile einstellen könnte - und dann sieht man sich um. Die Maus ist im Kindergarten, das Mäuschen in der Kita und der Mann im Labor. Durchatmen. Man selbst sein. So tun, als ob.

Plötzlich sieht man das Bild mit den drei merkwürdigen Vögeln darauf, die auf einem Zug sitzen, der ans Meer fährt (zwei wollen schwimmen, der Dritte mit einem Boot fahren), das die Maus einem gestern freudestrahlend gemalt und überlassen hat. Man sieht das Lieblingsbuch des Mäuschens, das immer aufgeregt und lachend mit "Wau" bezeichnet wird, während es seinen kleinen, bewindelten Popo auf Mamas Schoß parkt, um sich mit ihr zusammen das Buch anzusehen. Man kuschelt sich in die Weste des Mannes und fühlt sich ein bisschen so wie damals, als man die ersten Male miteinander ausgegangen ist.

Und genau dann spürt man, wie leer die Wohnung ohne diese ewig nervenden, nörgelnden, nie still seienden, notorisch chaotischen Gesellen ist - und stellt fest, dass ein einsames Haus am Strand, eine Kampfjetpilotenausbildung, Victorias Geheimnis oder Weltreisen auch nur in der Phantasie aufregend wären und dass man eigentlich genau da ist, wo man sein möchte.
Diese kleinen Momente sind es dann immer, die mir die Kraft geben, einen solchen Klogrifftag zu überstehen und auf bessere zu hoffen, um es nicht eines Tages doch wie Arthur in "Per Anhalter durch die Galaxis" ausdrücken zu müssen:

 "Hören Sie mal, würde es Ihnen was ausmachen, wenn ich jetzt einfach aufgebe und verrückt werde?"

(Vorgestern war übrigens Grummarcesible Day bei Sarah! Ich hatte schlichtweg vergessen, es hier zu verlinken, Schande über mich!)

Dienstag, 24. September 2013

Forum Mamarum

Vor meiner ersten Schwangerschaft meldete ich mich voll motiviert und hormonell schwer verwirrt in einem großen Mamaforum im Internet an. Schnell fand ich auch die für mich passende Gruppe von Frauen, die wie ich schnellstens schwanger werden wollten. Ich freute mich wie eine Schneekönigin! Es dauerte eine Weile, bis ich die ganzen internen Kürzel für Ereignisse verstand, mit denen ich bis dato nichts zu tun gehabt hatte:
  • ES = kein Roman mit einem mordlustigen Clown, sondern der Eisprung, der mit vielen Tricks perfekt  vorhergesagt werden kann
  • NMT = diese drei unscheinbaren Buchstaben können sogar zwei Bedeutungen haben: für die Hibblerinnen ist es der Nicht-Menstruations-Tag, für die Verhüterinnen der Normal-Menstruations-Tag
  • SS = nicht die Schutzstaffel der NSDAP (die mich in einem Mamaforum auch wirklich sehr verwirrt hätte), sondern einfach die Schwangerschaft
  • Hibbeln = tue ich normal, wenn ich dringend muss, aber nicht kann - soll hier aber die Tätigkeit von Frauen beschreiben, die darauf warten, endlich schwanger zu werden
  • ZS = keine ehemalige saudi-arabische Billigfluggesellschaft, sondern etwas noch Schlimmeres - die zwei Buchstaben kürzen das unschöne Wort Zervixschleim ab
  • ÜZ = nicht die niedliche Abkürzung eines schweizerischen Altherrennamens, sondern schlicht für den Übungszyklus. In diesem Zyklus wird nichts anderes "geübt", als schwanger zu werden - und zwar nicht durch profanen Sex, sondern durch Herzeln
  • ET = kein süßer Alien-Langfinger, sondern das, was all dem Abkürzungshorror endlich die Krone aufsetzen soll: der Entbindungstermin
Diese und zahlreiche andere Neuheiten der Sprachwelt jenseits meines Horizontes lernte ich also brav und konnte schnell ebenso über Tempi-Kurven und ZS-Ausprägungen fachsimpeln wie die alten Mama-Hasen. Soweit, so lustig. Als ich dann überraschenderweise schon im ersten ÜZ schwanger wurde, wechselte ich euphorisch in die passende Gruppe Frauen, die im gleichen Monat wie ich ET hatten. Zunächst war all das auch wirklich noch nett, informativ und spannend. Gleichgesinnte zu finden hat für mich immer den AA-Charakter (ja, ich meine die Anonymen Alkoholiker und nicht etwa einen "Absoluten Anovulationszyklus"):
"Hallo. Meine Name ist Grummelmama und ich bin Hibblerin." "Hallo, Grummelmama."
Zuerst ist es toll, sich unter ähnlich tickenden Menschen zu befinden, aber schnell artet diese Art Gruppenkuscheln auch aus.

Nach einigen Wochen hatte ich das Forum jedoch durchschaut. Und mit ihm die Mütter, die sich dort so tummeln. (Und nicht nur dort, wie ich viel später erst rausfinden sollte)

Im Grunde ist so ein Forum ganz einfach erklärt. Es gibt das Klischee der Übermutter und das der Rabenmutter - und für eins der beiden musst du dich entscheiden. Und dann gibt es da noch die Hauptthemen, die wieder und wieder und wieder (und wieder) durchgekaut werden und regelmäßig zu den schlimmsten Zickenkriegen führen, die ich jemals miterleben durfte:
  • Rauchen in der Schwangerschaft
  • Alkohol in der Schwangerschaft
  • Impfen oder nicht
  • Gehfreis und Türhopser
  • Ohrlöcher bei Babys und Kleinkindern
  • Richtige und falsche Bauchtragen
  • Stillen
  • Schlaferziehung
Diese Themen und ihre Abwandlungen findet man jeden Tag - und die Tragik daran war, dass ich mich viel zu oft auf sie einließ. Ich kann gar nicht sagen, wieviel kostbare Lebenszeit ich drauf verwendete, meine Ansichten zu vertreten, mich zu streiten und mich auf unnötige Diskussionen mit wildfremden Menschen einzulassen, die vom Thema ungefähr so viel Ahnung haben wie eine Stubenfliege von Kurvendiskussionen. Es ist unfassbar, auf wieviel Dummheit, Ignoranz und Unwissenheit man in einem solchen Forum treffen kann. Unfassbar, unheimlich und ungelogen unerträglich. Leider brauchte ich mehrere Jahre, um mich gänzlich aus dieser anstrengenden Welt herauszuhalten und im Stillen für mich zu klären, dass ich weder eine Raben-, noch eine Übermutter bin und keinen inneren Auftrag mehr verspürte, das Leben und die Meinungen anderer zu ändern.

Es gibt einfach Dinge auf dieser Welt, speziell wenn es um Babys und Kinder geht, die für mich keine Diskussionen mehr zulassen. Im Gegenzug dazu ist es aber auch unter aller Kanone, regelmäßig zu vergessen, dass man im Internet mit Menschen und nicht nur mit Nicknames und Pseudonymen zu tun hat und auf eine derart respektlose Weise mit jemandem kommuniziert, wie man es nicht einmal mit seinem schlimmsten Feind tun würde.

Fazit von all dem ist: Frauen untereinander sind anstrengend - und wenn diese dann noch frustrierte Hibblerinnen oder gar schwanger sind, gibt es kein Halten mehr. Jede weiß es besser und ist die Tollere, selbst wenn sie noch gar keine Ahnung hat, was du eigentlich willst. Und ich kann nur jeder Frau, die Kinder hat oder möchte, raten: Mach einen großen Bogen um Mütter- und Schwangerenforen und lerne stattdessen das Stricken oder eine Fremdsprache. Aber was rede ich? Ihr hört sowieso nicht auf mich. Und warum? Weil wir Frauen das brauchen. Irgendwie liegt all das doch in unserem Blut - und Hand auf's Mutterherz:
Es gibt Tage, an denen ist es durchaus entspannend, seinen Frust und seine Aggressionen in einem Streitgespräch über Bauchtragen wegdiskutieren zu können - so unbefriedigend es am Ende auch ausfallen wird.


Mittwoch, 18. September 2013

Zweinzelkind

Die Maus ist im Kindergarten, ich gieße mir eine heiße Tasse Kaffee ein, werde langsam fit und spiele mit dem Mäuschen auf dem Teppich im Wohnzimmer. Sie schleppt mir Bücher an, die wir schon hunderfach angesehen haben, macht "Wau!" zu allem, was vier Beine hat, rennt auf ihren kleinen Beinchen durch die Wohnung und ist so schnell von allem begeistert, was man mit ihr macht. Oder wir gehen spazieren, bummeln gemütlich mit dem Kinderwagen durch die Altstadt. Sie zeigt auf alles und winkt jedem, alles ist "Bau!" (Baum, ihr neustes Lieblingswort), sie lässt mich sogar in Kleidungsgeschäften nach langweiligen Mamasachen gucken. Dann setzen wir uns an den Markt oder an den See und spielen Nachlauf oder Ball -  und ist dabei so niedlich, ich könnte sie einfach nur knuddeln.

Das Mäuschen ist beim Papa und die Maus und ich machen Große-Mädels-Nachmittag zusammen. Das ist unser monatliches Ritual und wir genießen es beide sehr. Wir gehen in die Stadt, lesen stundenlang Bücher in der Kinderecke der Stadtbücherei, gucken uns jedes Spielzeug im Kinderladen genau an, kaufen auch meistens eine Kleinigkeit, futtern ein Eis beim Lieblingseisladen oder Crêpes am Marktstand. Dann geht es noch auf den Spielplatz, wenn das Wetter mitspielt und wir rutschen, rennen, schaukeln und toben.
Sie ist so ein Schatz, schon meine richtig große Maus, mit der man Spaß haben und sich unterhalten kann -
und ist dabei so süß, ich könnte sie einfach nur knuddeln.

Doch wehe, wehe sie treffen aufeinander!

Sobald die Maus die Augen aufmacht und das Mäuschen ins Zimmer stürmt (wir sind meist schon vor der Großen wach) ist die Ruhe und Niedlichkeit vorbei. Beide verwandeln sich binnen Sekunden in Stressmonster! Mäuschen zieht Maus an den Haaren, Maus jagt Mäuschen durch die Wohnung (finden alle spaßig, nur die Mama nicht um diese Uhrzeit), Mäuschen wirft Mausens Stifte durch das Zimmer, Maus schreit wegen dieser Aktion Zeter und Mordio, Maus versteckt Mäuschens Schnuller so im Bett, dass dieses ihn nicht mehr finden kann, Mäuschen brüllt wegen dieser Aktion wie am Spieß.

Sobald die Maus aus dem Kindergarten kommt und das Mäuschen Mittagsschlaf gemacht hat, ist die Ruhe und Niedlichkeit wieder vorbei. Beide verwandeln sich binnen Sekunden in Terrormäuse! Mäuschen lässt Maus nicht in Ruhe mit Mama ein Buch angucken, Maus sieht es nicht ein, dass Mäuschen mit ihrem Playmobil spielt, Mäuschen hat keine Lust zu warten, bis Mama und Maus ein Bild beklebt haben und wütet in der Küche, Maus hat keine Lust zu warten, bis Mama und Mäuschen Bauklötze gespielt haben und sitzt laut meckernd und trotzig in der Ecke.

Es könnte alles so einfach sein. So schön. So friedlich. So perfekt - wenn man ein Zweinzelkind hat. Sobald daraus jedoch ein Geschwisterkind wird, ist es nicht mehr zu bremsen. Beinahe unheimlich, wie Kinder diesen Schalter umlegen können. Und auch verständlich. Nichtsdestotrotz auch grauenvoll anstregend für die arme Mutter, die sich in solchen Momenten sogar sträflich an Goethe vergreift:

Zwei Seelen wohnen, ach! in ihrer Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält in derber Schwesternlust
sich an die Maus mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Frust
zu den Mäuschens Stofftierahnen. 


Und wie immer tue ich das, was man als Mutter immer tut. Ich warte, bis eine bessere Zeit kommt, in der wir alle drei gemeinsam auf dem Teppich im Wohnzimmer spielen und Bücher ansehen können und bis ich keine Zweinzelkinder mehr brauche, um sie zum Knuddeln süß und niedlich zu finden. Und falls jetzt hier jemand liest, der schon ältere Kinder hat als ich: 

Bitte zerstört nicht meine Hoffnungen. Lügt einfach. 


Montag, 16. September 2013

Oberflächlich betrachtet

Yummy Mummy oder Öko Muddi - oder etwas dazwischen? Zu welcher Sorte Mütter gehört ihr? Ich lebe in einer Stadt, in der die Öko Muddi das Stadtbild sehr prägt. Aber eine Art Mama gibt es hier, mit der ich gar nicht klarkomme: Manchmal habe ich das Gefühl, dass einige Frauen Shampoo und Bürsten gegen ihre Kinder eingetauscht haben müssen und scheinbar auch keine Zeit mehr für Kleidungswechsel haben. Klingt böse, ich weiß - aber ich kann nicht nachvollziehen, wie man als Frau auf alles verzichten kann, was mit Pflege oder Äußerlichkeiten zu tun hat.

Ich möchte über niemanden urteilen. Jeder sollte und darf so durch die Welt gehen, wie er sich am wohlsten fühlt. Ich gehöre eben zu den Müttern, die einmal am Tag die Brut aus dem Zimmer werfen, sich vor ihr prall gefülltes Schminkschränkchen stellen und die hohe Kunst der Gesichtsbemalung pflegen. Auch stehe ich eher zu lange vor dem Kleiderschrank, bevor ich mein Outfit wähle - und kaum weniger Zeit benötigt die Schuhwahl, die leider viel zu selten auf High Heels fällt, da Kinder UND Kopfsteinpflaster selbst für mich zu viel sind. Ich sage es ohne Umschweife: Ohne Mascara, Kajal, Eyeshadow oder Abdeckstift verlasse ich nicht das Haus. Der Mann findet diese Macke lustig - lernten wir uns doch in einer Zeit kennen, in der ich nicht einmal Mascara benutze, "weil meine Wimpern doch sowieso schon schwarz sind" - und fragt immer, ob ich im REWE Heidi Klum erwarte, die ein spontanes Casting zwischen Dosenwurst und Klopapier veranstalten möchte. Natürlich tue ich das nicht! (Aber falls sie kommt, bin ICH gerüstet!)

Ich erwarte das nicht von anderen Frauen. Ich stehe eben eher auf Röhre und Tubetop, andere lieben Hippiestyle, Öko- oder Basiclook. Alles ist toll. Alles ist erlaubt. Wofür ich nur kein Verständnis habe, sind Frauen, die ihrer Umwelt das Gefühl vermitteln, sie wären nur angezogen, um nicht nackt zu sein, behaargummit, nur um die Kinder besser zu sehen - und sorry: aussehen, als wären sie gerade nach einem tagelangen Schlaf aus dem Bett gefallen. Ohne Dusche. Oder Bürste. Sicher weiß ich nicht, ob diese Damen nicht auch schon vor ihren Kindern so wenig auf ihr Äußeres achteten, aber ich kenne auch viele Fälle, die sich nach der Geburt ihrer Kinder total haben gehen lassen. Und das finde ich traurig. Denn was in den ersten Wochen nach der Geburt noch vollkommen normal und fast unumgänglich ist, wird doch spätestens nach ein paar Monaten zur traurigen Gewissheit: Kind bekommen, Fall erledigt.

Vor einigen Monaten stand ich an der Ampel mit den Kindern. Neben mir zwei dieser argen Fälle. Sagt doch die eine zur anderen gerade so laut, dass ich es hören kann: "Früher habe ich mich auch geschminkt. Heute verbringe ich die Zeit lieber mit meinen Kindern." Ist das zu fassen? Ich weiß ja nicht, wie lange die Gute braucht, um sich zu schminken, aber ich hoffe doch, dass meine Kinder 10 Minuten am Tag Mamazeit entbehren können, sich dafür aber später mal nicht für mich schämen müssen, wenn ich sie von Kindergarten und Schule abhole. In einer Stadt wie dieser fällt man eben eher negativ auf, wenn man Kinder UND Augenmakeup hat.

Auch tun mir die zugehörigen Männer leid, die mit ansehen müssen, wie ihre Frau sich in eine Glucke verwandelt, die sich für nichts mehr interessiert, was nicht mit Dreikäsehoch und Tragetuch zu tun hat.
(Und ich meine hier nicht die Figur, die sich während und nach einer Schwangerschaft sowieso verändert.) Sicher ist all das kein kein Scheidungsgrund - aber wundern braucht sich keine Frau, wenn ihr Kerl sich irgendwann sehnsüchtig nach anderen Frauen umdreht, die noch wissen, wie man Körperpflege und Styling schreibt.

Aber was ist nun das richtige Mischungsverhältnis? Ich denke, Frau sollte sich guten Gewissens vor den Spiegel stellen und sich mit dem, was sie sieht, wohlfühlen können - und sich ab und zu eigene Bilder aus der Vor-Kinder-Zeit ansehen, um nicht ganz aus dem Auge zu verlieren, in welche Frau sich der Vater ihrer Kinder vor Jahren verliebt hat. Innere Werte zählen ganz sicher, aber Hand auf's Herz: Wollen wir selbst nicht auch das Komplettpaket?



Freitag, 13. September 2013

Schubkraft

Die Geschichte der Wachstumsschübe ist eine Geschichte voller Missverständnisse - könnte man meinen. Die einen Mütter schwören, dass ihre heranwachsende Brut JEDEN einzelenen dieser von Van de Rijt und Plooij beschriebenen Sprünge genau pünktlich durchgemacht hat. Die anderen Mütter lächeln nur müde und halten das alles für ausgemachten und erfundenen Unsinn. Doch was ist eigentlich dran an "Oje, ich wachse!" und seinen Wachstumsschüben, die die Zwerge (und vor allem ihre Mütter) alle paar Wochen wieder neu quälen und vor unbekannte Abenteuer stellen?

Ich habe ja bekanntlich zwei oje, wachsende Kinder. Ich weiß gar nicht mehr, was zuerst da war - das Buch oder die Maus? Jedenfalls wusste ich, was mir bevorstehen sollte und nachdem der erste Wachstumsschub, der um die 5. Lebenswoche herum alle erfreuen sollte, dann auch tatsächlich pünktlich und mit voller Wucht geschah, machte mir das Buch noch mehr Angst. Das sollte jetzt also alle paar Wochen aus meinem kleinen, süßen Mädchen werden? Ein nervendes, quengelndes, mit nichts zu beruhigendes kleines Monsterchen? Ja. Genau das sollte es. Die Maus nahm jeden einzelnen der Schübe mit Anlauf mit, und nach jedem Schub war ich mir sicher, DAS war der schlimmste Schub von allen gewesen. Zugegeben verstehe ich auch schon, was die buchkritischen Mamas dazu bewegt, all das nicht zu ernst zu nehmen. Denn wie heißt es so schön? Richtig: Irgendwas ist immer. Im ersten Jahr beschäftigt ein heranwachsendes Wesen so ziemlich alles dermaßen, dass es aus der nicht mal erlernten Ruhe kommt. Rhythmus finden, neue Leute kennenlernen, Nahrungsumstellungen, Zähne, Bauchschmerzen und all die anderen Horrorerlebnisse eines Menschleins, das gerade ein paar Wochen auf diesem Planeten wohnt.

Dennoch kann ich sagen, dass die Maus wirklich pünktlich auf die Sekunde dann schubte (ihren Rhythmus suchte, neue Leute kennenlernte, ihre Nahrung umstellen musste, zahnte, von Bauchschmerzen gequält wurde), wenn Van de Rijt es mir versprochen hatte. Und ich hatte schon nach den ersten paar Sprüngen keine Lust mehr. Nein, bitte nicht wieder "zurück zu Mama", wenn sich der nächste Sprung ankündigt. Kein "isst mehr, schläft weniger" und schon gar kein "wird als nörgelig, unzufrieden und schwierig beschrieben". Mir grauste immer schon davor, schon VOR dem Schub das nächste Kapitel anzusehen und ins Schwitzen zu geraten. Natürlich nahm die Maus immer nur die negativen Dinge mit - wobei das Buch in seinen Sprung-Ergebnissen auch von Kapitel zu Kapitel zu protzigeren Übertreibungen neigte. Nein, mein 6 Monate altes Kind konnte nach dem Sprung weder stehen noch laufen - aber ich war trotzdem froh, ihn überlebt zu haben. Gemischt mit den Zähnen waren diese Schübe jedenfalls eine echte Grummelmamaherausforderung. Und als die Autoren auf der letzten Seite nach dem 55. Woche Schub auch noch still und leise darauf hinwiesen, dass noch 2 weitere Schübe folgen sollten, hatte ich wirklich die Schnauze voll von all dem. Und da schwor ich mir: Nie wieder ein Kind. DAS mache ich ganz sicher nicht ein zweites Mal mit. Um keinen Preis. Niemals. Ich bin doch nicht blöd!

Und als das Mäuschen dann da war, pustete ich den Staub von dem Buch und schlug es auf. Ich hatte verdrängt, was darin stand und ich war nicht sicher, ob ich die Erinnerung daran auffrischen wollte. Merkwürdigerweise hatte ich mittlerweile zwei dieser Bücher und konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann und woher das zweite dazugekommen war. An dieser Stelle muss gesagt sein, dass Mütter und Väter Gott sein Dank sehr viel von dem schnell vergessen und verdrängen, was sich während der Geburt und die Monate danach so abspielt, sonst wäre dieser Planet wohl nur von Waschbären und Tauben bewohnt. Doch als ich das Buch wieder in den Händen hielt und die ersten paar Seiten überflogen hatte, wurde mir ganz schlecht. Und wir sprechen hier nicht von einer "Oh Mist, ich habe vergessen, Oma anzurufen"-Übelkeit, sondern von der ausgewachsenen "Oh Gott, morgen früh ist mündliche Prüfung und ich habe dieses Kapitel vergessen zu lernen"-Übelkeit. Kurz überlegte ich schon, ob ich das Mäuschen vielleicht noch gegen einen Gutschein eintauschen könnte - aber merkte schnell, dass sich niemand auf diesen Handel einlassen würde. Also hieß es: Volle Schubkraft voraus in die nächste Sprungrunde.

Und siehe da: Das Mäuschen schubte nicht wie die große Schwester. So oft ich auch blätterte und rechnete und las, kein Schub wurde derart ausgelebt, wie ich es gewohnt war. Gegen Ende der Zeiten, die in dem Buch beschrieben waren, hatte sie ein bis zwei miese Tage. Aber nicht mehr. Auch die bisherigen sechs Zähne nahm sie relativ gelassen entgegen, obwohl sie die nach 11 Monaten Zahnlosigkeit innerhalb von 18 Tagen herbeigezaubert hatte. Und was soll ich noch sagen? Wir haben soeben das letzte Kapitel überlebt - und warten jetzt noch auf die zwei Schübe, die noch ohne Beschreibungen folgen sollen.

Am Ende kann ich sagen: Nie wieder ein Kind! DAS mache ich ganz sicher nicht ein drittes Mal mit. Um keinen Preis. Niemals. Ich bin doch nicht blöd!

Denn die negativen Erwartungen waren fast noch schlimmer als das, was tatsächlich passierte. Und allen Müttern, die diese Schübe, ob sie nun existieren oder nicht, noch vor sich haben: Keep calm and don't panic. Alles wird gut - und nach dem ersten Lebensjahr wirkt alles, was man bis dahin als unfassbar anstrengend empfunden hat, gar nicht mehr so schlimm. Großes Grummelmamaehrenwort.

Und wer jetzt denkt, dass der Schub EINES Kindes schon anstrengend ist, der kann HIER hautnah miterleben, wie und ob meine liebe Freundin Inmarcesible Zwillingsschübe übersteht!

Mittwoch, 11. September 2013

Schlaflose Helden

Heute schicke ich ein lautes und enthusiastisches "Hut ab" an alle Mamas und Papas, die seit Wochen und Monaten nicht mehr richtig schlafen, weil Zwerg und Zwergin die Nacht zum Tag machen wollen. Wie haltet ihr das aus?

Für mich war die Nacht und mit ihr mein Schlaf unfassbar wichtig. Ich schlief lange und gerne. War eine Nachteule. Konnte problemlos wochenends bis zum Mittag in den Federn liegen. Vor dem Schlafmangel und seinen Folgen hatte ich in meiner ersten Schwangerschaft wohl am meisten Angst. Als die Maus dann auf der Welt war, waren der Mann und ich uns auch einig, dass wir eine strenge Schlaferziehung durchsetzen wollten. Das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" habe ich übrigens noch nie persönlich in der Hand gehabt - nur falls jetzt schon einige mit den Augen rollen. Die ersten sechs Monate schlief die Maus in unserem Schlafzimmer. Zunächst in einer kleinen Wiege, später dann in ihrem Babybettchen. Nur die ersten paar Nächte hatte ich sie mit in unserem Bett und stellte ganz schnell fest: ICH HASSE ES. Ich konnte nicht schlafen, traute mich kaum zu atmen und war immer auf 180.

Klar, die ersten Nächte waren nicht toll. Babychen brüllte gerne, was das Zeug hielt, war hungrig, bauchschmerzig, neugeborenenpanisch. Aber wir starteten schon da die Operation: Superschlaf. Und die war eigentlich ganz einfach: wir machten NIE die Nacht zum Tag. Tags wurde sie rumgetragen, bespielt, bekuschelt. Nachts wurde geschlafen. Im Dunkeln. Im Bett. Nicht im Auto um den Block fahrend, nicht neben dem laufenden Staubsauger, nicht im Buggy durch die Straße schockelnd. Ich lag neben ihr, hielt ihr Händchen, streichelte sie, sang, fütterte sie - aber nie, nie, nie machte ich Licht und schleppte sie rum.Und, oh Wunder, das zeigte schnell Wirkung. Die Maus schlief sehr schnell durch. Die ersten Monate trank sie natürlich noch 1-2 Mal in der Nacht, aber schlief dann wieder sofort ein und wir hatten nie Probleme. (Fairerweise sei an dieser Stelle nochmal daran erinnert, dass ich brustproblemtechnisch zwei Flaschenkinder und es somit einfacher hatte)

Als wir über ein zweites Kind nachdachten, war die Maus etwa 2 1/2 und ein perfekt schlafendes Kind. Ein Kind, das zum Entsetzen und zum Neid vieler Eltern abends "Mama, ich will ins Bett" sagte, das man hinlegte und das dann bis morgens um 9 oder gar 10 Uhr durchschlief. Daran war ich gewöhnt. VERwöhnt. Was, wenn das zweite Kind das genaue Gegenteil von Maus werden würde? Was, wenn ich plötzlich ein sehr aktives, anstrengendes dreijähriges Rebellenmausekind hatte, das perfekt schlief UND ein ruhiges, entspanntes Relaxmäuschen, das in der Nacht permanent aufwachte? Das würde ich nicht durchstehen.
Je näher der Geburtsttermin rückte, desto unruhiger wurde ich. Ich hatte wirklich Angst um meinen Schlaf - noch viel mehr als beim ersten Mal. Der Mann beruhigte mich, meinte, wird würden alles einfach so wie beim ersten Kind machen, das würde schon klappen. Zu dem Zeitpunkt war ich noch davon überzeugt, dass sich Schlaferziehung und Veranlagung etwa die Waage halten.

Als das Mäuschen dann auf der Welt war, machten wir alles genau wie bei der Maus. Sie lag im Beistellbettchen neben uns, ihr Händchen in meiner Hand. Kein Rumrennen, kein Licht, kein Trara und kein Tamtam. Und was soll ich sagen? Es klappte wieder.

Damit hattet ihr jetzt nicht gerechnet, oder? Hand auf's Herz: Ich auch nicht.

Die beiden schlafen jetzt seit mehreren Monaten zusammen in einem Zimmer und es gibt keine Probleme. Das Mäuschen schläft supergut, schlief auch schnell durch und wir sind echt happy darüber. Gut, ich muss aber auch sagen, wir sind die Art von bösen Eltern, die nicht bei jedem Gejammer ins Zimmer rennen und Aufstand machen. Ich lasse meine Kinder nicht stundenlang brüllen, bis sie erschöpft einschlafen, aber ich lasse ihnen durchaus die Chance, sich selbst zu beruhigen, bevor ich es tue.

So viele sagen, dass ein Baby nie ohne Grund weint und man immer darauf eingehen muss. Das denke ich nicht. Klar, ohne Grund weinen sie nicht - aber es muss nicht immer Angst oder Panik dahinterstecken. Manchmal sind sie einfach nur übermüdet oder bockig. Und ich denke, jede Mutter kann sehr gut unterscheiden, welches Weinen was bedeutet. Und ich sehe nicht ein, dass ich für ein übermüdetes, bockiges Kind Animateur spiele. Dazu ist mir MEIN Schlaf zu heilig.

Warum ich all das hier schreibe? Weil ich trotz meiner Meinung, meiner Erfahrung und meiner Einstellung nur den Hut vor den Mamas ziehen kann, die monate- und jahrelang Familienbett praktizieren, nie länger als 3-4 Stunden Schlaf kriegen und daran auch scheinbar nicht wirklich etwas ändern wollen. Und das ist weder zynisch noch sarkastisch gemeint. Ihr seid meine Heldinnen. Und wenn ich ab 20:15h für etwa 12 Stunden meine Ruhe habe, denke ich an euch - und frage mich, was für eine Mutter ich wäre, hätte unsere Erziehung nicht gefruchtet...