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Mittwoch, 19. Februar 2014

Gastgrummler (2): Kittglo

Heute präsentiere ich euch eine ganz neue, liebe Bloggerin, die erst vor kurzem ihren Weg als Schreibende in unsere Mama-Blog-Welt gefunden hat: Gloria mit ihrem Blog Kittglo. Sie ist Mutter einer kleinen Tochter, sie ist Ärztin und nun beschreibt sie auf ihrem Blog genau diesen Alltag. Und mehr. Und heute habe ich die Ehre, sie als Gastgrummerlin begrüßen zu dürfen, wenn auch mit einem nicht ganz so lustigen Thema. Mir als Scheidungskind liegt dieses Thema jedoch sehr am Herzen. Ich danke Gloria für ihre Ehrlichkeit und diesen tiefgehenden Einblick. Danke.
Aber genug geredet! Grummel-Bühne frei für Gloria!

Von kleinen Händen und großen Träumen 
Meine Tochter Pauline ist ein Wunschkind. Vielleicht macht es das auch so schwer. Ich wurde damals unglaublich schnell schwanger, wir kannten uns seit gerade Mal vier Monaten. Im Nachhinein lässt sich sicher sagen: zu schnell. Aber das ist eigentlich auch vollkommen egal. Die Beziehung zu Paulines Papa war von Anfang an schwierig. Er kam nicht aus Köln, wollte nie hierher. Als ich schwanger wurde, zog er trotzdem her. Wir haben ewig nach einer größeren Wohnung gesucht, denn meine Studentenbude war natürlich keine Option. Kurz nachdem wir eine schweineteure 3-Zimmer-Altbauwohnung gefunden hatten, wurde er arbeitslos. Ich war schon im 7. Monat und da zum ersten Mal vollkommen fertig. Ich hatte regelrechte Panik, dachte an das Baby und wie das nur alles klappen sollte.

Durch Lethargie ändert sich ja leider nur wenig, wir fingen also an, Bewerbungen zu schreiben, haben die gelben Seiten durchtelefoniert und Firmen belästigt. Ich hatte riesige Angst, dass unsere Vermieterin davon erfahren und uns kurzerhand aus der Wohnung werfen würde. Der Gang zum Arbeitsamt war unvermeidlich, ich machte Termine bei Pro Familia und anderen Einrichtungen. Als ich im 8. Monat war, hat mein Ex aus Verzweiflung einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma angenommen. Kurz vor der Entbindung dann endlich die erleichternde Zusage eines neuen Jobs. 
In dieser Zeit war ich im letzten Semester an der Uni. Ich habe noch schnell meine letzten Prüfungen geschrieben und nebenbei viel geheult. Und so unromantisch es jetzt auch klingt, dieses dauernde Gefühl des "Nicht wissen, wie es weitergeht" hat schon sehr viel kaputt gemacht. UNS haben die Probleme nicht näher zusammen rücken lassen. Wir entfernten uns voneinander. Wir hatten keine Gelegenheit, nochmal zu zweit in den Urlaub zu fahren oder die Zeit bis zur Geburt zu genießen. Wir haben gestritten und viel geschwiegen. Er hat noch nie viel, ich schon immer viel geredet.

   Ich fühlte mich oft allein. Ich schätze, er sich auch.   

Das Jahr Elternzeit war das Glücklichste meines Lebens. Pauline war sehr pflegeleicht. Sie schlief viel und lange. Nachts vorzugsweise neben mir, er schlief auf dem Sofa. Er musste ja zur Arbeit und wir konnten ausschlafen. Ich stillte, traf mich tagsüber mit anderen Müttern und kochte abends. Wenn er heim kam, spielte und schmuste er mit Pauline. Ich war froh darüber. Ich hatte schon den ganzen Tag das Baby geherzt, für ihn war nichts mehr übrig und ich hatte auch absolut null Verlangen nach Körperlichkeit, wenn sie nicht Pauline betraf.  
Er war ein toller Papa, hat mich beim Abstillen unterstützt, ich konnte abends mal ausgehen und wusste das Baby in den besten Händen. Als Paar jedoch haben wir uns immer weiter verloren. Sehr langsam, aber kontinuierlich.(diese Darstellung ist sehr verkürzt) Ich weiss nicht, wann ich das erste Mal an Trennung dachte. Aber ich weiß noch, wie ich mir diesen Gedanken selber verbot. Und deswegen habe ich auch zunächst nicht mit ihm drüber reden können.

Er war unglücklich. Er mochte Köln nicht, fand keinen Anschluss und hatte Heimweh. Ich fühlte mich für sein Unglück verantwortlich. Und so schwiegen wir weiter und ich bildete mir ein, dass ich genug Kraft für uns alle drei zusammen hätte. Und dass manches sich von allein regeln würde.
Als ich wieder anfing zu arbeiten, merkte ich wie abhängig ich von ihm war. Ohne ihn hätte ich im praktischen Jahr keine Nacht-und Wochenenddienste machen können. Ich wäre nicht zur Prüfung zugelassen worden, denn er hütete spontan Pauline, wenn sie krank wurde. Ich hatte ihm viel zu verdanken. Das Geld war in diesen Zeiten immer knapp und wenn wir redeten, dann stritten wir über das Minus auf dem Konto. Ich war sauer, da ich gezwungenermaßen alle bürokratischen Angelegenheiten regelte.  

Ich machte Termine für Pauline beim Kinderarzt, rannte von einer Kita-Besichtigung zur nächsten, hatte schon seitenweise Eltern-und Kindergeldanträge durchgearbeitet. Er sagte, ich könne sowas einfach besser und im Reden sei ich auch die Geschicktere. Ich warf ihm vor, er mache es sich zu leicht.

   Erst viel später sagte ich ihm, dass ich mir nicht    
   vorstellen könne, mit ihm alt zu werden. 

Dazwischen lagen viele Tränen und durchwachte Nächte. Man hat ein Kind zusammen, da trennt man sich nicht. Es war ja auch nichts vorgefallen - nichts, was eine Trennung nach außen hin hätte rechtfertigen können. 
"Das kannst du nicht machen", sagte meine Familie. "Du musst es machen", sagten meine Freunde. 
Ich beschloss, eine Entscheidung zu vertagen, zu verschieben und hinauszuzögern. Mit einem Kloß im Hals sah ich dabei zu, wie Pauline sich abends im Schlafanzug an ihn schmiegte. An "ihren Papa". Ich versuchte meine Gefühle und Ängste in Worte zu fassen, auf einmal schafften wir es zu reden. 
 
Wir waren scheinbar beide todunglücklich, wollten aber unserer Verantwortung als Eltern gerecht werden. Wir beschlossen, uns noch einmal eine Chance zu geben. Mit mehr Gesprächen, mehr als Familie zu unternehmen, mehr ans Funktionieren zu glauben. Ich schlug eine Paar-Therapie vor. 
Um das an dieser Stelle nochmal abzukürzen - ich trennte mich nach drei Monaten. Mit Gewissensbissen und Vorwürfen von allen Seiten. Ich frage mich bis heute manchmal "Haben wir wirklich alles versucht?". Ja, haben wir, habe ICH. Trotzdem bleibt das Gefühl versagt zu haben. Als Paar, als Mutter, als Familie. Die ehrlichste Frage, die wir uns damals stellten, war:

   "Wären wir ohne Pauline noch zusammen? Nein." Aus der Traum.  

Wir beschlossen, zunächst zusammen wohnen zu bleiben. Wegen Pauline, weil es viel zu regeln gab. Weil wir ohne den anderen nicht arbeiten gehen konnten. Weil wir dachten es wäre leichter so. In unseren modernen Zeiten, wo es doch ganz andere und noch viel verrücktere Modelle des Zusammenlebens als Familie gab. 
Am Anfang hat sich nichts verändert. Getrennte Zimmer, getrennte Leben mit dem gemeinsamen Nenner Kind.
  
Es fühlte komisch an. Trennung bedeutet, Schlussstrich, Liebeskummer, vermissen, Sachen aussortieren und sich ablenken.
Das alles haben wir ausgelassen. Wir lebten nebeneinander her,
aber in einer Wohnung. 
Man hat kein Recht mehr zu fragen "Wo warst du denn so lange?". Ich telefonierte hinter verschlossenen Türen, sehnte mich nach Privatsphäre. Wir gingen uns zunehmend aus dem Weg, keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, keinen Alltag. Eigentlich war nur noch derjenige zuhause, der Pauline gerade betreute. 
Und die war natürlich auch nicht blöd. Weinte, wenn einer von uns beiden ging. Fragte nach Mama oder Papa. Wenn sie uns beide zusammen sah, hielt sie seine und meine Hand und wollte nicht mehr loslassen.

   Kleine Hände zwischen Großen als einzige Verbindung. Es  
   zerriss mir fast das Herz.  

Ich fühlte mich als egoistische Rabenmutter. Jedes Klischee schoss mir durch den Kopf. "Wenn zwei sich streiten, leidet der Dritte". "Kinder brauchen Mama UND Papa". 
 
Unser nächstes großes Gespräch handelte von Sorgerecht, Unterhaltszahlungen und Aufenthaltbestimmungsrecht. Und von seinem Auszug. Wir wollte es so richtig wie möglich machen. Gemeinsames Sorgerecht hatten wir sowieso, das wollten wir so beibehalten. Pauline sollte bei mir bleiben, jedes zweite Wochenende wollte er sie nehmen. Zusätzlich an einigen Feiertagen und in den Ferien. Ich sagte, dass er sie sehen könne, wann immer er wolle.

An dem Wochenende, als er seine Sachen holte ,war ich mit Pauline nicht zuhause. Als ich spät abends mit schlafendem Kind nach Hause kam, war die Wohnung halb leer. Ich hatte mir übergangsweise eine Matratze besorgt, das riesige Bett hatte ihm gehört. Nachdem ich Pauline in ihr Bett gelegt hatte, hievte ich die Matratze aus dem Keller. Es ist ein enger Keller und ich hatte Mühe, das Ungetüm in die Wohnung zu kriegen. "So fühlt sich das also an. Alleinerziehend. Getrennt lebend", dachte ich. Und obwohl es nur um eine bescheurte Matratze ging, weinte ich den Rest des Abends bitterlich. Weinte um das, was nun doch endgültig war, um Paulinen die sich in den Reigen der Kinder einreihte, deren Eltern nicht mehr zusammen sind. Weinte aus Angst, es nicht zu schaffen alleine, weinte, weil ich mich als Versagerin fühlte. Ich glaube, ich habe alles "nachgeweint", was ich vorher nicht geweint hatte. 

  In dieser Nacht kam Pauline in mein Bett gekrabbelt und 
  schmiegte sich fest an mich. Das hat mich getröstet und ich 
  fühlte mich stark. Sie und ich und ihr Papa würden das schon 
  schaffen.   

Haben wir auch. Mittlerweile hat sich der Alltag neu eingependelt. Pauline weiß, "der Papa wohnt nicht mehr hier, aber er hat mich sehr lieb". Wann immer sie möchte, rufen wir den Papa an. Ihren Geburtstag und Weihnachten verbringen wir gemeinsam. Jedes zweite Wochenende ist sie bei ihm. Wir hassen uns nicht. Im Gegenteil, wir verstehen uns viel besser als früher. 
Wir haben regelmäßig Kontakt, beraten uns und besprechen Urlaubs-und Ferienpläne. Ich schicke ihm Bilder von Pauline. 
Wenn er sie abholt oder wieder bringt, trinken wir Kaffee zusammen oder essen Abendbrot. 

  Als Paar haben wir es nicht geschafft, aber ich glaube als 
  Eltern sind wir auf einem guten Weg. 

Montag, 27. Januar 2014

Hilfe, Zweitkind?!

Da ich in letzter Zeit immer mehr hilfesuchende Blicke von (vielleicht) werdenden Zweitmüttern zugeworfen bekomme, dachte ich, ich schreibe einfach hier eine Zusammenfassung meiner Antworten für alle:

Da hat man also die erste Schwangerschaft, die erste Geburt und die ersten Wochen, Monate und vielleicht Jahre mit dem Erstkind hinter sich gebracht, da werden schon die ersten Hormone in Mutter (und auch Vater) wieder lauter, die Gedanken wie "Geschwisterchen" und "Hach, was wäre das schön, wenn..." in die elterlichen Köpfe pflanzen. Doch dann sieht man das Erstkind, wie es spielt, schläft, lacht und die ganze Liebe und Aufmerksamkeit von Mama und Papa, von Omas und Opas, Onkels und Tanten genießt. Und dann melden sich auch die ersten Zweifel und Fragen an, mit denen fast alle Eltern zu kämpfen haben.
Hier ein paar der typischen Ängste und seltsamen Ideen zum Thema Zweitkind:

1) Was, wenn ich das zweite Kind nicht so lieben kann wie das erste?
2) Was, wenn ich das zweite Kind mehr liebe als das erste?
3) Was, wenn das erste Kind schwer darunter leidet, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen?
4) Was, wenn das zweite Kind schwer darunter leidet, nicht so im Mittelpunkt stehen zu können?
5) Was, wenn ich es mit zwei Kindern nicht schaffen kann?
6) Was, wenn das zweite Kind krank ist?

Ich versuche einfach mal, alle Fragen aus meiner Sicht zu beantworten. Und vorweg: Ja, ich habe sie mir alle auch gestellt.

Sobald einem die Hebamme das Zweitkind auf den Arm gegeben hat, wird man es wunderschön und einzigartig und unfassbar liebenswert finden. Bei mir waren in diesem Moment alle Zweifel und Ängste weggespült und ich fühlte mich wie damals, als ich die Maus im Kreisssaal zum ersten Mal in den Armen hielt. Es war MEIN Baby, nicht mehr und nicht weniger. Eltern, vor allem Mütter, neigen dazu, sich in den Irrglauben um Ungerechtigkeiten und Unausgewogenheiten in der Gefühlswelt mit ihren Kindern zu verrennen. Man ängstelt wegen "Lieblingskindern" oder "Bevorzugungen", die man selten oder vielleicht gar nicht bemerkt. Und hier muss ich sagen, ja, doch, das ist so. Meiner Meinung nach hat man Lieblingskinder und es wird auch klare und deutliche Bevorzugungen geben. ABER das wechselt! Ich finde es etwas unehrlich, wenn man als Mutter immer davon sprechen muss, dass man alle Kinder gleich liebt. Denn ehrlich gesagt finde ich das ungerecht. Ich liebe nicht beide Kinder gleich. Ich liebe jedes auf seine ganz eigene Art und Weise. Und manchmal ist die Maus mein Lieblingskind - und dann wieder das Mäuschen. Das würde ich natürlich nicht laut sagen, aber dennoch ist es so. Jedes Kind hat seine ganz eigenen Stärken und Schwächen, seine Vorlieben und Abneigungen, seine Pros und Contras. So wie jeder Mensch auf dieser Welt. Und genau deshalb kann man nicht alle gleich lieben - was aber nichts mit "mehr" oder "weniger" lieben zu tun hat.

Als ich in den letzten Wochen der Zweitschwangerschaft mit der Maus unterwegs war und mit ihr noch einmal all die letzten Dinge machte, die in meiner Vorstellung nie mehr so sein würden wie jetzt, wurde ich immer verdammt traurig und sentimental, wenn ich sie beim Spielen beobachtete. Sie war 3 1/2 Jahre alt und mein kleines Babychen, mein Herz und mein Leben. Es gab nur sie und uns. 3 1/2 Jahre lang drehte sich unsere Welt um dieses Mädchen. Und bald, das wusste ich, würde ich nicht mehr so viel Zeit und Aufmerksamkeit für sie haben können. Und ich hatte eine Riesenangst davor, dass sie das deutlich spüren und darunter leiden würde. Ich kann nicht für andere Eltern von Geschwisterkindern sprechen (und ich selbst war 14 Jahre alt, als meine Brüder zur Welt kamen), aber ich für meinen Teil hatte mir all diese Gedanken umsonst gemacht. Klar stand sie nicht mehr im Mittelpunkt, aber ab dem Moment, wo wir mit dem Mäuschen aus dem Krankenhaus kamen, liebte sie ihre kleine Schwester - und wenige Monate später konnte sie gar nicht glauben, dass das Mäuschen einmal nicht bei uns gewesen sein sollte. Sicher gibt es Eifersüchteleien und Neid. Wäre dem nicht so, würde ich mir ernsthafte Gedanken machen. Aber alles in allem ist es doch so: Für beide Kinder ist das eine Win-Win-Situation. Die Große HATTE immerhin 3 1/2 Jahre ganz alleine mit uns, die die Kleine niemals haben wird - und umgekehrt genießt die Kleine von Beginn an den Luxus einer großen Schwester, von der sie geliebt wird und die ihr alles zeigen kann, was man als kleines Grummelmädchen so wissen muss. Und heute, nach 17 Monaten Mäuschen-Leben spielen die beiden miteinander, ärgern sich, toben gemeinsam durch die Wohnung und auf unseren Nerven herum - und ich weiß, dass es die absolut richtige Entscheidung war.

Natürlich wird alles anders mit einem zweiten Kind. Der ganze Alltag, den man sich als Ein-Kind-Eltern so schön zusammengeschustert hat im Laufe der Monate, wird von Grund auf durcheinander geworfen und umgekrempelt. Alles dauert länger, ist komplizierter und muss neu überdacht werden. Als das Mäuschen die ersten Tage in unserem Leben war, saß ich abends weinend auf dem Bett, weil ich - hormongebeutelt vom Wochenbett-Blues - mir sicher war, dass ich das NIE NIE NIE auf die Reihe kriegen und nichts mehr je gut werden würde. Ich würde NIE mehr die Maus kuschelnd und vorlesend ins Bett bringen können, weil das neue Baby im Wohnzimmer aus Leibeskräften schrie und diese Schreie in mir Übelkeit verursachten und meine Nerven zerstörten. Wir würden NIE mehr in Ruhe gemeinsam zu Abend essen können, NIE mehr mit der Maus spielen, NIE mehr zusammen einkaufen gehen können. Es würde sich NIE ein Alltag einstellen. Dessen war ich mir, heulend, sicher. Während ich diese Worte hier schreibe, muss ich lachen. Denn dieses NIE, das bin ich. Ich neige zu Übertreibungen und Panikvorstellungen von allem und jedem. Und dieses NIE begleitet mich mein Mutterleben lang. Und es ist UNSINN! Ein paar wenige Wochen später war alles normal. Ich brachte die Maus kuschelnd und vorlesend ins Bett, während der Mann im Wohnzimmer das Mäuschen bespaßte und nachdem wir in aller Ruhe gemeinsam zu Abend gegessen hatten. Und unglaublicherweise konnten wir auch ein paar Tage nach meinen Horrorgedanken gemeinsam einkaufen und mit der Maus spielen gehen. Es ist lauter geworden, chaotischer, unaufgeräumter, enger - aber selbst ich habe es geschafft, nicht komplett überfordert durchzudrehen. Und wenn ich das schaffe, dann schafft es jeder, der auch nur einen Gedanken an ein zweites Kind denken kann.

Und dann wäre da noch die Angst um ein krankes Kind. An dieser Stelle kann ich leider nicht weiterhelfen. Ich bin unendlich dankbar für meine beiden gesunden Kinder, aber ich kann die Ängste und Fragen komplett nachvollziehen. Auch wir haben diese Gedanken durchgespielt. Denn all die Fragen, die man sich sowieso schon stellt, werden wirklich ad absurdum geführt, wenn man diese Überlegungen und Szenarien weiterspinnt. Aber ich denke und hoffe und glaube fest daran, dass auch dieser Fall, sollte er eintreten, gut gemeistert werden kann. Denn wenn ich eins gelernt habe, dann dass bei Familie und Kindern die Theorie meist viel erschreckender und unüberwindbarer erscheint, als es die Praxis hinterher tatsächlich ist.

Ich wünsche an dieser Stelle allen werdenden Zweitmamas eine tolle Schwangerschaft mit wenig trüben Gedanken und Ängsten und - allen noch grübelnden Eltern rate ich, einfach an all die Sorgen und Überlegungen zu denken, die man sich schon vor dem ersten Kind gemacht hat. Und dann erinnern wir uns doch alle wieder daran, schmunzeln und fassen all das mit den passenden Worten von Wilhelm Busch zusammen:

Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt!

Sonntag, 19. Januar 2014

Schreibende Jammerfrauen und andere Berufungen

Vor ein paar Tagen stieß mich der Mann auf den Artikel "Schreiben und Kinder sind unvereinbar" von Julia Franck in der Welt. Jetzt, wo ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht habe, wollte ich doch noch ein paar Worte zu diesem Thema loswerden, denn in den letzten Wochen wird ja eine regelrechte Unvereinbarkeits-Debatte von Müttern und Frauen geführt, die teilweise nachvollziehbar ist, teilweise aber auch sehr auf ein Niveau abrutscht, welches den berüchtigten Jammerfrauen-Artikel in der FAZ herausforderte.

Schreiben und Kinder sollen also unvereinbar sein. "Richtige" Schriftsteller brauchen Ruhe, Abgeschiedenheit und Einsamkeit, um ihre Werke zu Papier zu bringen, Gedanken zu formen und die Kreativität fließen zu lassen und können keine Kinder, Sorgen und Krankheiten in ihrem Schaffensprozess gebrauchen. So zumindest kommt es vielen Autoren vor, die keine oder NOCH keine Kinder haben. Scheinbar soll die Elternschaft sogar eine Art Todesurteil für junge Schriftsteller sein, was nun doch überdramatisch dargestellt scheint, sogar für mich, die eine wahre Drama-Ader in sich hat.
Was mich jetzt an dieser Debatte nun doch etwas stutzig gemacht hat, ist die Tatsache, dass der Prozess des Schreibens dabei so vereinheitlicht und pragmatisiert wird. Gibt es nicht ebenso viele unterschiedliche Arten des Schreibens wie es verschiedene Schriftsteller, Texter, Journalisten, Dichter, Drehbuch- oder Theaterstück-Autoren oder Blogger gibt? Wie kann man das Schreiben per se gerade als Schriftstellerin oder Schriftsteller so starr und als gegeben definieren?

Jeder Mensch, der es sich zum Hobby oder Beruf gemacht hat, Buchstaben zu Worten, Sätzen und Texten zusammenzufügen, arbeitet doch auf seine ganz eigene Art mit seinen Werkzeugen. Die einen schreiben am Stück ganze Kapitel, die anderen jeden Tag ein paar wenige Seiten. Manche brauchen keine Entwürfe und kommen nach einer Stunde mit den besten Texten daher, andere müssen erst lange an Konzepten und Theorien arbeiten, bis sie ihr Gerüst gedanklich so weit erbaut haben, dass sie loslegen können. Die einen arbeiten am liebsten in der Nacht, die anderen können nur am frühen Morgen kreativ sein. Und selbst diese unterschiedlichen Arten des Schreib-Prozesses können fließend ineinander übergehen und/oder sich im Laufe des Schreiber-Lebens gewaltig ändern. Man wird älter, die Umstände und die Interessen entwickeln und verschieben sich - das Schreiben reift wie ein guter Käse oder Wein mit all seinen Nuancen und Noten. Soweit, so gut. Ein Schriftsteller, der plötzlich nicht nur seine Arbeit hat, sondern Vater oder Mutter wurde, muss lernen, seinen Prozess wieder neu zu überdenken. Man kann nicht mehr dann schreiben, wann es einen überkommt, man muss Planungen machen, Zeitfenster nutzen, die einem vom Alltag angeboten werden, es müssen neue Wege des kreativen Prozesses beschritten und erkundet werden.

ABER: Was genau hat das jetzt nur mit der Schriftstellerei zu tun? Es ist richtig, ich kann heute nicht mehr dann schreiben, wann ich Lust dazu habe. Ich muss das Schreiben weniger als kreative Marotte und mehr als Beruf sehen, der in mehr oder weniger geregelten Bahnen zu verlaufen hat. Aber geht das jetzt nur uns Buchstaben-Artisten so, oder stehen nicht alle arbeitenden Eltern genau vor diesem "Problem", wenn man es jetzt zu einem machen möchte? Wer Kinder hat, der kann nicht mehr alles zu jeder Zeit tun. Das ist wahr. Aber wer Kinder hat, der hat doch nicht automatisch sein Recht auf Eigenes verwirkt! Kinder schlafen, sind in Kindergärten, Kitas, sie spielen, sind bei Freunden, Verwandten, gehen irgendwann wieder eigene Wege - und in all dieser gar nicht so schrecklich kurzen Zeit muss Mann oder Frau eben den Beruf oder die Berufung unterbringen.

Und nochmal aufs Schreiben gemünzt: Meine erste veröffentliche Kurzgeschichte war eine Geschichte für Kinder, die ich SO ohne meine beiden Töchter vielleicht nie geschrieben hätte. Meine Gedanken- und Ideenwelt, mein Horizont und meine Sichtweise auf und um Dinge veränderten sich gewaltig durch ihre Geburt. ICH veränderte mich. Und mit mir mein Schreiben. Und ich kann und will nicht sehen, wie man zwei der existentiellsten Dinge in meinem Leben einfach so schnöde als "unvereinbar" titulieren kann. Da stampfe ich mit dem Fuß auf und verschränke die Arme, um laut "NÖ!" zu sagen. Frauen und Männer, Väter und Mütter: Ihr seid nicht "nur", sondern "auch". Verhaltet euch dementsprechend, holt eure Köpfe wieder aus dem Sand und macht verdammt nochmal einfach das, was ihr machen wollt. Ihr könnt das nämlich. Nicht nur TROTZ, sondern vor allem MIT Kindern - nur hat nie jemand behauptet, das dies ein Spaziergang würde.

Montag, 9. Dezember 2013

Grummelgrinch

Gestern war also der zweite Advent. Advent, Advent, die Zeit, die rennt. Und ich wünschte, es wäre schon Januar und der ganze Weihnachtsspuk vorbei. Mit Ach und Krach habe ich es geschafft, den Adventskalender für die Maus zu basteln - die Ausführung für den Mäuschen-Kalender habe ich hingegen noch ein Jahr auf Eis gelegt. Mit Hängen und Würgen habe ich es geschafft, das kleine Tannenbäumchen vom Balkon ins Wohnzimmer zu stellen und mit der Maus ein paar Weihnachtsdinge daran zu klöppeln. Die Weihnachtsbeleuchtung am Fenster hängt noch von letztem Jahr. (Ich muss dazu sagen, dass ich zu faul war, sie abzuhängen, aber für den Frühling ein paar bunte Schmetterlinge daraufdekorierte habe. So, und jetzt schlagt mich.) Mit Ach und Weh habe ich auf die Sekunde genau den Adventskranz vom letzten Jahr aus dem Keller geholt, etwas abgestaubt und auf den Tisch gestellt, damit am ersten Advent denn auch pünktlich und total feierlich das erste Kerzchen brennen kann.

Die Vorweihnachtszeit. Zeit der Besinnlichkeit und Vorfreude, Feierlichkeit und Kerzenschein. Aber echt mal - ist das bei euch so? Traditionell ist die Vorweihnachtszeit die Zeit der grippalen Infekte, Mittelohrentzündungen und Panikeinkäufe. Und von allen Seiten wird man als Mutter unter Druck gesetzt. Die Werbung suggeriert mir permanent, ich hätte eigentlich schon ALLE Weihnachtsgeschenke kaufen müssen, schon Plätzchen gebacken haben und meine Wohnung schon vor Wochen in eine Happy-Weihnachts-Wonderland verwandeln sollen. Habe ich aber nicht. HABE ICH NICHT!

Als ich Kind war, war alles toll und spannend. Die Luft roch irgendwie ständig entweder nach Schnee, Zimtaroma oder Tannengrün. Draußen war es dunkel und magisch, in den Wohnungen meiner Eltern, Großeltern und Tanten und Onkels war alles geschmückt und gemütlich. Irgendwie war alles so, wie man es sich vorstellt. Ich liebte die Weihnachtsszeit.
Und als ich Erwachsen war freute ich mich schon darauf, meinen Kindern später einmal auch so eine tolle Zeit zu gestalten.

Worüber ich mir damals leider noch nicht im Klaren war, ist die Tatsache, dass ich Weihnachten gar nicht mehr leiden kann.Weihnachten und ich, wir stehen auf Kriegsfuß. Ich bin jedes Jahr weniger in Stimmung für all das. Seit ich die Kinder habe und sie langsam größer werden, dauert es immer länger, bis ich mich damit abfinden kann, dass bald der 24.12. sein wird - und jedes Jahr scheint es so zu sein, dass die Monate von Weihnachten bis Weihnachten schneller vorbeirasen. Jetzt sitze ich hier am Computer, die Sonne scheint in die mit kleinen Schmierfingerchen übersäten Scheiben des Wohnzimmers, das Thermometer zeigt 11°C an und die Wohnung sieht irgendwie nach allem aus, aber nicht nach Weihnachten. Es könnte auch April sein. Oder September. Ich habe es nicht einmal geschafft, meine Sommerschuhe gegen Winterschuhe zu tauschen auf dem Schuhregal vor der Haustür. Ein weiteres Anzeichen für die vorweihnachtliche und winterliche Grummelmamaverdrängung. Und doch... Und doch hängt mir jeden Tag das schlechte Gewissen im Nacken. Und beisst mich, kratzt mich und flüstert mir Dinge ins Ohr.
"Was bist du nur für eine Mutter?"
"Hättest du dir DAS für deine Kinder gewünscht damals?"
"Backe, schmücke, kaufe!"
"Last Christmas, I gave you my heart..."
Und jeden Tag wird mir panischer und übler zumute, die Blicke auf die Weihnachtsgeschenke-Liste, die noch überhaupt keine grünen Häkchen hat, werden hektischer - und das Gefühl, irgendwie auf ganzer Linie zu versagen, größer und mächtiger.

Mein großes Glück ist nur immer, dass wir die eigentlichen Weihnachtsfeiertage nicht bei uns zu Hause, sondern bei unseren Eltern verbringen und dass wenigstens dort alles irgendwie wie damals zu sein scheint. Wobei ich sagen muss, dass mir erst nach meinem Auszug aus dem elterlichen Nest aufgefallen ist, welche   unfassbare Hektik am 24.12. Besitz von meiner Mutter ergeift. Schnibbeln, vorbereiten, vorkochen, planen, Einkäufe sortieren, gutes Geschirr raussuchen, Silber putzen - und alles begleitet von leisen Flüchen wie "Bin ich froh, wenn das vorbei ist!". Sollte ich das etwa nicht gestohlen haben? Sollte meine Mutter, die mir Jahr für Jahr wunderschöne und fantastische Weihnachten bereitete, gar nicht die vorweihnachtszeitliebende Christmas-Liebhaberin gewesen sein, für die ich sie in meinem kindlichen Leichtsinn hielt? Ist es vielleicht tatsächlich gar nicht wichtig, wie es in MIR aussieht, sondern nur das, was bei den Kindern ankommt? Vielleicht. Hoffentlich. Kinder sind bekanntlich Meister im Ausblenden und Phantasieren. Ich bin fast sicher, sie schaffen es, sich selbst genau das herauszufiltern, was sie für diese Zeiten brauchen. Und alles andere spielt sich für sie irgendwie nur hinter den erwachsenen Kulissen ab.
Denn so sehr ich diese bazillen- und virengeschwängerte Grauwetterzeit auch verabscheue, es täte mir doch in der Seele weh, wenn meine Kinder schon jetzt zu kleinen Grinches heranwachsen würden und nicht das erleben dürften, was ich selbst so liebte.

Und wenn wir am 24.12. dann hoffentlich in strahlende Kinderaugen blicken und uns entspannt zurücklehnen dürfen, wird vielleicht sogar mir ein bisschen feierlich ums Herz. Und dann nehme ich mir - wie jedes Jahr - vor, nächstes Jahr ein bisschen mehr Stimmung zu verbreiten. Die feierliche Stimmung meine ich. Memo an mich...

Montag, 2. Dezember 2013

Team Christkind!

Auch wenn ich es noch immer nicht ganz wahrhaben will: In etwa drei Wochen ist Weihnachten. Und was schon in den letzten beiden Jahren für Verwirrung sorgte, wird dieses Jahr wieder zur echten Herausforderung für den Mann und mich - und vor allem für die Maus. Mit ihren 4 1/2 Jahren merkt sie mittlerweile doch sehr deutlich, dass es eine gewisse Diskrepanz zwischen den Aussagen zum Thema "Wer bringt die Geschenke?" gibt. Diese Erwachsenen können sich nämlich alle nicht wirklich entscheiden!

Früher war alles einfacher, finde ich. Und auch wenn dieser Satz unfassbar abgedroschen und meistens totaler Unsinn ist, war doch meine einzige Verwirrung als Kind, dass das Christkind, welches unangefochten dasjenige war, das die Geschenke brachte, gar kein Mädchen-Engel mit Kleidchen und Flügeln war, sondern tatsächlich das Jesuskind sein sollte. Wobei diese Art von falscher Vorstellung auch gerne von Christkindel-Märkten unterstützt wird, auf deren Logos doch eindeutig weibliche Rauschgold-Christkinder prangen. Aber alles andere war eindeutig. Es war einfach. Christkind = Weihnachten. Osterhase = Ostern. Fertig. Sogar die Zeiten, in denen diese Feste gefeiert wurden, waren recht umrissen festgelegt. Eine Sache, die sich heute kaum noch durchsetzen lässt. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Geschäfte und Medien, die das Chaos noch vergrößern. Ihr seid super!
Aber jetzt habe ich den Faden verloren. Ach ja, früher war alles einfacher, heute ist alles anders. Man kann geradezu von Lagern sprechen. Von Teambildungen, die einzig und alleine dazu ins Leben gerufen wurden, um die noch an Wunder glaubenden Kinder zu verwirren – und ihre armen, sowieso schon vorweihnachtsgestressten Eltern in Erklärungsnöte zu bringen.

Team Weihnachtsmann vs. Team Christkind

Ein Kampf der Medien, der Werbung, der Giganten. Ein Gefecht, das immer schwerer zu gewinnen wird für Team Christkind. Ich will an dieser Stelle gerne deutlich machen, dass ich nichts, aber auch gar nichts gegen den Weihnachtsmann habe. Er ist bestimmt ein echt netter Kerl! Entgegen vieler Annahmen hat ja auch nicht die Coca-Cola Company diese Figur erfunden, sie schaffte nur in den 1930er Jahren ein neues Outfit für den dicken Kerl. Der Weihnachtsmann per se existiert schon sehr lange weltweit und kommt in vielen Ländern, um den Kindern an Weihnachten eine Freude zu machen. Doch bei uns, zumindest in meinem Inner Circle, wird mit Weihnachten eben das Christkind in Verbindung gebracht. Jesus, der an Weihnachten zur Welt kam. Krippe, Maria, Josef, Esel, Gold, Weihrauch und Myrrhe - all sowas eben. Und genau das vermittelten wir der Maus auch von Anfang an. Doch seit sie in Kindergärten und Medienwelten unterwegs ist, trifft sie ständig auf diesen anderen Typen. Auf Santa Claus, Père Noël, Väterchen Frost. Und sie fragt sich, wer jetzt Recht hat. Und ob vielleicht  am Ende ALLES nur erfunden ist.
Besonders schlimm finde ich die heutige Wischi-Waschi-Kultur, in der dann auch noch der Nikolaus mit dem Weihnachtsmann in einen unmotivierten Topf geworfen wird und dieser üble Fauxpas fast niemandem mehr aufzufallen scheint. Der heilige Nikolaus in den Klamotten des Weihnachtsmannes im Outfit von Coca-Cola? Der in der gesamten Vorweihnachtszeit - die Ende August startet - sein geschenkliches Unwesen treibt und den Kindern was vermitteln will? Dass Weihnachten einfach dann ist, wenn man es sich selbst wünscht? Dass es vollkommen egal ist, welche Bräuche wann stattfanden, weil es nur zählt, dass irgendjemand irgendwann möglichst viele und möglichst teure Geschenke bringt?

Ich weiß nicht, wie ihr es mit all dem haltet, wer euren Kindern wann die Geschenke bringt. Ob man heute noch ausreichend vermitteln kann, dass sich Weihnachten nicht nur um Spielsachen und neue Klamotten dreht, sondern wirklich tiefere und wichtigere Werte festigen soll. Ich denke nur daran, wie ich damals von der ganzen Weihnachtszeit verzaubert wurde und für mich alles voller Wunder, Stimmung und Traditionen war. Nicht sehr religiös, nicht sehr streng, aber eben vollkommen unabhängig von mediengezeichneten Bildern und Meinungen. Nicht Rewe oder Tengelmann bestimmten, wann die Weihnachtszeit begann, sondern meine Eltern und der Kalender. Ich war nicht schon im Sommer davon überzeugt, dass nun Weihnachten sei, nur weil im Supermarkt die ersten Schokonikolausweihnachtsmänner aufgestellt wurden - weil meine Eltern bestimmen konnten, was ich glauben und mir vorstellen sollte und niemand sonst. Nur meine Familie konnte beschließen, wann ich meine kindliche Glaubenswelt verlassen sollte und wann nicht. Und genau das würde ich mir auch wünschen. Denn irgendwann geht all dieser Zauber verloren. Unaufhaltsam und immer früher. Zu viel kulturelles und kalendarisches Durcheinander führt nur zu Gleichgültigkeit. Und wen wundert es letztendlich, wenn Grummelmütter wie ich nie in Weihnachtsstimmung kommen, weil sie schon im September die Nase voll von Lebkuchen und Spekulatius neben den Grillsaucen haben und Kinder einfach nicht genug Ausdauer besitzen, sich statt ein paar Wochen schon monatelang auf Weihnachten freuen zu müssen?

Egal, zu welchem Team man letztendlich gehört, am Ende geht es doch nur um leuchtende Kinderaugen und die Verschleierung des ganzen Stresses, dem Eltern in der Zeit ausgesetzt sind. Weniger ist mehr. Finde ich.


Sonntag, 29. September 2013

Bücherverbrennung 2013

Seit einiger Zeit tobt ja die Debatte um das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" - und gipfelt nun vorerst in einer ins Leben gerufenen Petition, die das Buch verbieten lassen soll. So weit, so gut.

Ich kenne dieses Buch nicht - und mit mir die meinsten anderen Mütter auch nicht, die diese Petition laut wetternd unterzeichnen. Zunächst ist mir nämlich nur eins suspekt. Ein Buch verbieten zu lassen. Es gibt so viele Bücher auf dem Markt, die ich für nicht gut, fragwürdig oder sogar schädlich halte - aber sie verbieten lassen? Wie sagt man doch so schön: Papier ist geduldig. Und mir erschließt sich einfach nicht, welchen Sinn es haben würde, solche Ratgeber zu indizieren. Über sowas sollten wir hinaus sein, finde ich.

Wie gesagt, ich habe dieses Buch nicht gelesen, habe es nie lesen müssen. Doch soweit ich mich informiert habe, geht es hier nicht darum, Wort für Wort einer Anweisung von zwei Menschen zu folgen, sondern eine Art Hilfestellung für Kinder zu finden, die wirkliche Probleme mit dem Einschlafen haben. Und noch mehr für ihre Eltern, die meiner Meinung nach meist die Hauptschuld tragen. Was auch gar nicht böse gemeint ist, ich kenne diese Art Schuld nur zu gut. Schließlich kämpft doch das ganze Leben lang unsere Vernunft gegen das, was das Herz sagt. Doch die Grundhaltung, einem Baby die Chance zu geben, sich ans Einschlafen alleine zu gewöhnen, finde ich nicht fragwürdig, sondern okay. Niemand verlangt von den Eltern, ihr Kind stundenlang schreien zu lassen, ohne ihm Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Alle paar Minuten zu ihm zu gehen, um ihm genau das zu vermitteln, ist doch auch das, was das Buch rät? Auch vom "Versuch abbrechen" ist dort häufig die Rede, wie ich las? Aber darum soll es mir auch gar nicht gehen und am allerwenigsten möchte ich hier für dieses fragwürdige Werk eine Lanze brechen - den auch ICH bin nicht der Meinung, so ein Training oder Programm könne helfen. Ich denke nur, dass ein Verbot eines solchen Werkes sicher nicht die vielen Eltern verhindert, die ihr Baby tatsächlich eiskalt und ohne mit der Wimper zu zucken stundenlang schreien lassen, bis es müde und entmutigt vollkommen entkräftet einschläft. Wer die Grundhaltung zu einem solchen Verhalten hat, der wird es auch durchziehen, ohne ein solches Buch gelesen zu haben. Und ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass DIE Eltern, die so mit ihren Kindern umgehen, es gar nicht für nötig halten, Ratgeber zu befragen. Jede Mutter und jeder Vater, der sich die Mühe und Gedanken macht, sich in Büchern über die bestmögliche Weise der Erziehung informieren zu wollen, hat meiner Meinung nach Grips genug, um abstrahieren und abwägen zu können, was er liest und tut.

Ein bisschen geht es mir mit diesem Buch wie mit der ganzen Diskussion über Lebensmittellügen und Werbeverbote. Wer ernsthaft jahrelang glaubte, Milchschnitte sei gesund für sein Kind, weil auf dem Verpackungsbilchen ein Glas Milch und Honig abgebildet sind, dem ist weder mit Werbeverboten noch mit Kalorienampeln zu helfen. Wer erst durch fettgedruckte Hinweisschilder erfährt, dass Chips dick machen, der wird keine noch so detaillierten Nahrungsmittelangaben verstehen. Wer plötzlich total überrascht war, dass der Granulattee vom lieben Claus fast komplett aus Zucker besteht, dem helfen auch keine Produktverbote weiter. Nicht, dass ich all das unwichtig, gut oder unterstützenswert finde. Aber es ist doch so: Auf der einen Seite wird dem Verbraucher totale Eigenständigkeit unterstellt und vorausgesetzt, auf der anderen Seite ist man der Meinung, Aufklärung für Doofe starten zu müssen, um die Nahrungsmittelwelt sicherer zu machen. Was denn jetzt?

Auf jeden Fall sollte man aufhören, alles nur in Schwarz oder Weiß unterteilen zu wollen. Es gibt noch mehr auf dieser Welt als Eltern, die ihr Baby vernachlässigen und solche, die es zu sehr betüddeln. Jedes Kind ist anders und brauch andere Arten der Erziehung und Zuwendung - und ebenso sind es die zugehörigen Eltern. Jede liebende Mutter und jeder fürsorgliche Vater wird sein Kind gut genug einschätzen können, an dieser einen Stelle nicht mehr auf ein Buch zu hören, wenn er oder sie das Gefühl bekommt, es schade seinem Baby. Und kein Buch der Welt wird das ändern können - denn ein Buch zwingt niemanden zu etwas. Zum Glück.

Und am Schluss möchte ich mich noch Heinrich Heine (1817) anschließen, der einmal sagte:

„Das war ein Vorspiel nur. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“


Und nach diesem dramatischen Blogpostfinale noch ein Hinweis ganz anderer Art! Heute ist Sonntag, heute ist Grummarcesible Day! Wen es interessiert, der möge heute bei der lieben Sarah auf Inmarcesible zu Gast sein und lesen, was unsere Woche so brachte.

Dienstag, 24. September 2013

Forum Mamarum

Vor meiner ersten Schwangerschaft meldete ich mich voll motiviert und hormonell schwer verwirrt in einem großen Mamaforum im Internet an. Schnell fand ich auch die für mich passende Gruppe von Frauen, die wie ich schnellstens schwanger werden wollten. Ich freute mich wie eine Schneekönigin! Es dauerte eine Weile, bis ich die ganzen internen Kürzel für Ereignisse verstand, mit denen ich bis dato nichts zu tun gehabt hatte:
  • ES = kein Roman mit einem mordlustigen Clown, sondern der Eisprung, der mit vielen Tricks perfekt  vorhergesagt werden kann
  • NMT = diese drei unscheinbaren Buchstaben können sogar zwei Bedeutungen haben: für die Hibblerinnen ist es der Nicht-Menstruations-Tag, für die Verhüterinnen der Normal-Menstruations-Tag
  • SS = nicht die Schutzstaffel der NSDAP (die mich in einem Mamaforum auch wirklich sehr verwirrt hätte), sondern einfach die Schwangerschaft
  • Hibbeln = tue ich normal, wenn ich dringend muss, aber nicht kann - soll hier aber die Tätigkeit von Frauen beschreiben, die darauf warten, endlich schwanger zu werden
  • ZS = keine ehemalige saudi-arabische Billigfluggesellschaft, sondern etwas noch Schlimmeres - die zwei Buchstaben kürzen das unschöne Wort Zervixschleim ab
  • ÜZ = nicht die niedliche Abkürzung eines schweizerischen Altherrennamens, sondern schlicht für den Übungszyklus. In diesem Zyklus wird nichts anderes "geübt", als schwanger zu werden - und zwar nicht durch profanen Sex, sondern durch Herzeln
  • ET = kein süßer Alien-Langfinger, sondern das, was all dem Abkürzungshorror endlich die Krone aufsetzen soll: der Entbindungstermin
Diese und zahlreiche andere Neuheiten der Sprachwelt jenseits meines Horizontes lernte ich also brav und konnte schnell ebenso über Tempi-Kurven und ZS-Ausprägungen fachsimpeln wie die alten Mama-Hasen. Soweit, so lustig. Als ich dann überraschenderweise schon im ersten ÜZ schwanger wurde, wechselte ich euphorisch in die passende Gruppe Frauen, die im gleichen Monat wie ich ET hatten. Zunächst war all das auch wirklich noch nett, informativ und spannend. Gleichgesinnte zu finden hat für mich immer den AA-Charakter (ja, ich meine die Anonymen Alkoholiker und nicht etwa einen "Absoluten Anovulationszyklus"):
"Hallo. Meine Name ist Grummelmama und ich bin Hibblerin." "Hallo, Grummelmama."
Zuerst ist es toll, sich unter ähnlich tickenden Menschen zu befinden, aber schnell artet diese Art Gruppenkuscheln auch aus.

Nach einigen Wochen hatte ich das Forum jedoch durchschaut. Und mit ihm die Mütter, die sich dort so tummeln. (Und nicht nur dort, wie ich viel später erst rausfinden sollte)

Im Grunde ist so ein Forum ganz einfach erklärt. Es gibt das Klischee der Übermutter und das der Rabenmutter - und für eins der beiden musst du dich entscheiden. Und dann gibt es da noch die Hauptthemen, die wieder und wieder und wieder (und wieder) durchgekaut werden und regelmäßig zu den schlimmsten Zickenkriegen führen, die ich jemals miterleben durfte:
  • Rauchen in der Schwangerschaft
  • Alkohol in der Schwangerschaft
  • Impfen oder nicht
  • Gehfreis und Türhopser
  • Ohrlöcher bei Babys und Kleinkindern
  • Richtige und falsche Bauchtragen
  • Stillen
  • Schlaferziehung
Diese Themen und ihre Abwandlungen findet man jeden Tag - und die Tragik daran war, dass ich mich viel zu oft auf sie einließ. Ich kann gar nicht sagen, wieviel kostbare Lebenszeit ich drauf verwendete, meine Ansichten zu vertreten, mich zu streiten und mich auf unnötige Diskussionen mit wildfremden Menschen einzulassen, die vom Thema ungefähr so viel Ahnung haben wie eine Stubenfliege von Kurvendiskussionen. Es ist unfassbar, auf wieviel Dummheit, Ignoranz und Unwissenheit man in einem solchen Forum treffen kann. Unfassbar, unheimlich und ungelogen unerträglich. Leider brauchte ich mehrere Jahre, um mich gänzlich aus dieser anstrengenden Welt herauszuhalten und im Stillen für mich zu klären, dass ich weder eine Raben-, noch eine Übermutter bin und keinen inneren Auftrag mehr verspürte, das Leben und die Meinungen anderer zu ändern.

Es gibt einfach Dinge auf dieser Welt, speziell wenn es um Babys und Kinder geht, die für mich keine Diskussionen mehr zulassen. Im Gegenzug dazu ist es aber auch unter aller Kanone, regelmäßig zu vergessen, dass man im Internet mit Menschen und nicht nur mit Nicknames und Pseudonymen zu tun hat und auf eine derart respektlose Weise mit jemandem kommuniziert, wie man es nicht einmal mit seinem schlimmsten Feind tun würde.

Fazit von all dem ist: Frauen untereinander sind anstrengend - und wenn diese dann noch frustrierte Hibblerinnen oder gar schwanger sind, gibt es kein Halten mehr. Jede weiß es besser und ist die Tollere, selbst wenn sie noch gar keine Ahnung hat, was du eigentlich willst. Und ich kann nur jeder Frau, die Kinder hat oder möchte, raten: Mach einen großen Bogen um Mütter- und Schwangerenforen und lerne stattdessen das Stricken oder eine Fremdsprache. Aber was rede ich? Ihr hört sowieso nicht auf mich. Und warum? Weil wir Frauen das brauchen. Irgendwie liegt all das doch in unserem Blut - und Hand auf's Mutterherz:
Es gibt Tage, an denen ist es durchaus entspannend, seinen Frust und seine Aggressionen in einem Streitgespräch über Bauchtragen wegdiskutieren zu können - so unbefriedigend es am Ende auch ausfallen wird.


Freitag, 20. September 2013

20 Dinge (1)

Aus mehreren aktuellen Anlässen wollte ich einmal folgende Liste erstellen und mit euch teilen.

20 Dinge, die Kinder einfach besser können als wir:
  1. an der Bettdecke immer genau SO ziehen, dass nur noch der Bezug oben hängt, während unten das ganze Deckenchaos klumpt (Uaaaaaah!)
  2. den Trinkbecher immer so nahe an die Tischkante stellen, dass er von selbst und wie von Geisterhand runterfällt
  3. ganz normal über den Badezimmerteppich laufen und ihn dabei derartig verknautschen, dass die Tür nicht mehr richtig aufgeht (Nochmal uaaaaaaah!)
  4. Schokobrötchen so verputzen, dass Nutella bis zu den Ohren klebt (Konnte ich auch früher, ist aber im Laufe des Erwachsenwerdens verloren gegangen)
  5. nach zwei Minuten Malkunst alle Finger bunt haben (Wie schaffen die das?)
  6. einen eben geputzen Spiegel binnen Sekunden in den Vor-Putz-Zustand zurückversetzen (Kinder kennen den für uns unsichtbaren Putzreset-Knopf. Wobei, Männer können ihn auch manchmal sehen)
  7. immer dann vergessen, wie man Schuhe anzieht oder wo die Jacke liegt, wenn die Erwachsenen es unglaublich eilig haben (Wobei, Männer können... Ihr wisst schon.)
  8. Verkäufer mit Blicken bezirzen und so immer kleine Geschenke bekommen
  9. an einem Tag Frikadellen total toll finden und sie am nächsten Tag hassen
  10. gefühlte 100 Stofftiere im Bett lagern und trotzdem noch selbst ein Schlafplätzchen finden
  11. richtig fiese Sachen sagen und tun - und Erwachsene trotzdem damit zum Lachen bringen
  12. unschöne Wahrheiten charmant verkaufen
  13. mit wenig Mühe und Aufwand die tollsten Geschenke herstellen (Zumindest, wenn die Verwandtschaft sich nicht traut, die Wahrheit zu sagen, weil sie 12) nicht mächtig ist)
  14. auf einem freien Platz den einzigen Baum finden und mit dem Bobbycar dagegenbrettern
  15. mit den Gummistiefel genau SO in Pfützen treten, dass das Wasser hineinlaufen kann
  16. sich Knoten IN die Haare kämmen (Auch eine Kunst!)
  17. kleinste Spielsachen nach GANZ hinten unter's Sofa schaffen, ohne auch nur in der Nähe davon gespielt zu haben
  18. ein Brot so essen, dass das ganze Zimmer verkrümelt ist (Männer?)
  19. alle Minen von gerade gespitzen Stiften in Rekordzeit wieder abbrechen
  20. beim Händewaschen das ganze Badezimmer unter Wasser setzen und es nicht gewesen sein (it's magic!)

Mittwoch, 18. September 2013

Zweinzelkind

Die Maus ist im Kindergarten, ich gieße mir eine heiße Tasse Kaffee ein, werde langsam fit und spiele mit dem Mäuschen auf dem Teppich im Wohnzimmer. Sie schleppt mir Bücher an, die wir schon hunderfach angesehen haben, macht "Wau!" zu allem, was vier Beine hat, rennt auf ihren kleinen Beinchen durch die Wohnung und ist so schnell von allem begeistert, was man mit ihr macht. Oder wir gehen spazieren, bummeln gemütlich mit dem Kinderwagen durch die Altstadt. Sie zeigt auf alles und winkt jedem, alles ist "Bau!" (Baum, ihr neustes Lieblingswort), sie lässt mich sogar in Kleidungsgeschäften nach langweiligen Mamasachen gucken. Dann setzen wir uns an den Markt oder an den See und spielen Nachlauf oder Ball -  und ist dabei so niedlich, ich könnte sie einfach nur knuddeln.

Das Mäuschen ist beim Papa und die Maus und ich machen Große-Mädels-Nachmittag zusammen. Das ist unser monatliches Ritual und wir genießen es beide sehr. Wir gehen in die Stadt, lesen stundenlang Bücher in der Kinderecke der Stadtbücherei, gucken uns jedes Spielzeug im Kinderladen genau an, kaufen auch meistens eine Kleinigkeit, futtern ein Eis beim Lieblingseisladen oder Crêpes am Marktstand. Dann geht es noch auf den Spielplatz, wenn das Wetter mitspielt und wir rutschen, rennen, schaukeln und toben.
Sie ist so ein Schatz, schon meine richtig große Maus, mit der man Spaß haben und sich unterhalten kann -
und ist dabei so süß, ich könnte sie einfach nur knuddeln.

Doch wehe, wehe sie treffen aufeinander!

Sobald die Maus die Augen aufmacht und das Mäuschen ins Zimmer stürmt (wir sind meist schon vor der Großen wach) ist die Ruhe und Niedlichkeit vorbei. Beide verwandeln sich binnen Sekunden in Stressmonster! Mäuschen zieht Maus an den Haaren, Maus jagt Mäuschen durch die Wohnung (finden alle spaßig, nur die Mama nicht um diese Uhrzeit), Mäuschen wirft Mausens Stifte durch das Zimmer, Maus schreit wegen dieser Aktion Zeter und Mordio, Maus versteckt Mäuschens Schnuller so im Bett, dass dieses ihn nicht mehr finden kann, Mäuschen brüllt wegen dieser Aktion wie am Spieß.

Sobald die Maus aus dem Kindergarten kommt und das Mäuschen Mittagsschlaf gemacht hat, ist die Ruhe und Niedlichkeit wieder vorbei. Beide verwandeln sich binnen Sekunden in Terrormäuse! Mäuschen lässt Maus nicht in Ruhe mit Mama ein Buch angucken, Maus sieht es nicht ein, dass Mäuschen mit ihrem Playmobil spielt, Mäuschen hat keine Lust zu warten, bis Mama und Maus ein Bild beklebt haben und wütet in der Küche, Maus hat keine Lust zu warten, bis Mama und Mäuschen Bauklötze gespielt haben und sitzt laut meckernd und trotzig in der Ecke.

Es könnte alles so einfach sein. So schön. So friedlich. So perfekt - wenn man ein Zweinzelkind hat. Sobald daraus jedoch ein Geschwisterkind wird, ist es nicht mehr zu bremsen. Beinahe unheimlich, wie Kinder diesen Schalter umlegen können. Und auch verständlich. Nichtsdestotrotz auch grauenvoll anstregend für die arme Mutter, die sich in solchen Momenten sogar sträflich an Goethe vergreift:

Zwei Seelen wohnen, ach! in ihrer Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält in derber Schwesternlust
sich an die Maus mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Frust
zu den Mäuschens Stofftierahnen. 


Und wie immer tue ich das, was man als Mutter immer tut. Ich warte, bis eine bessere Zeit kommt, in der wir alle drei gemeinsam auf dem Teppich im Wohnzimmer spielen und Bücher ansehen können und bis ich keine Zweinzelkinder mehr brauche, um sie zum Knuddeln süß und niedlich zu finden. Und falls jetzt hier jemand liest, der schon ältere Kinder hat als ich: 

Bitte zerstört nicht meine Hoffnungen. Lügt einfach. 


Freitag, 13. September 2013

Schubkraft

Die Geschichte der Wachstumsschübe ist eine Geschichte voller Missverständnisse - könnte man meinen. Die einen Mütter schwören, dass ihre heranwachsende Brut JEDEN einzelenen dieser von Van de Rijt und Plooij beschriebenen Sprünge genau pünktlich durchgemacht hat. Die anderen Mütter lächeln nur müde und halten das alles für ausgemachten und erfundenen Unsinn. Doch was ist eigentlich dran an "Oje, ich wachse!" und seinen Wachstumsschüben, die die Zwerge (und vor allem ihre Mütter) alle paar Wochen wieder neu quälen und vor unbekannte Abenteuer stellen?

Ich habe ja bekanntlich zwei oje, wachsende Kinder. Ich weiß gar nicht mehr, was zuerst da war - das Buch oder die Maus? Jedenfalls wusste ich, was mir bevorstehen sollte und nachdem der erste Wachstumsschub, der um die 5. Lebenswoche herum alle erfreuen sollte, dann auch tatsächlich pünktlich und mit voller Wucht geschah, machte mir das Buch noch mehr Angst. Das sollte jetzt also alle paar Wochen aus meinem kleinen, süßen Mädchen werden? Ein nervendes, quengelndes, mit nichts zu beruhigendes kleines Monsterchen? Ja. Genau das sollte es. Die Maus nahm jeden einzelnen der Schübe mit Anlauf mit, und nach jedem Schub war ich mir sicher, DAS war der schlimmste Schub von allen gewesen. Zugegeben verstehe ich auch schon, was die buchkritischen Mamas dazu bewegt, all das nicht zu ernst zu nehmen. Denn wie heißt es so schön? Richtig: Irgendwas ist immer. Im ersten Jahr beschäftigt ein heranwachsendes Wesen so ziemlich alles dermaßen, dass es aus der nicht mal erlernten Ruhe kommt. Rhythmus finden, neue Leute kennenlernen, Nahrungsumstellungen, Zähne, Bauchschmerzen und all die anderen Horrorerlebnisse eines Menschleins, das gerade ein paar Wochen auf diesem Planeten wohnt.

Dennoch kann ich sagen, dass die Maus wirklich pünktlich auf die Sekunde dann schubte (ihren Rhythmus suchte, neue Leute kennenlernte, ihre Nahrung umstellen musste, zahnte, von Bauchschmerzen gequält wurde), wenn Van de Rijt es mir versprochen hatte. Und ich hatte schon nach den ersten paar Sprüngen keine Lust mehr. Nein, bitte nicht wieder "zurück zu Mama", wenn sich der nächste Sprung ankündigt. Kein "isst mehr, schläft weniger" und schon gar kein "wird als nörgelig, unzufrieden und schwierig beschrieben". Mir grauste immer schon davor, schon VOR dem Schub das nächste Kapitel anzusehen und ins Schwitzen zu geraten. Natürlich nahm die Maus immer nur die negativen Dinge mit - wobei das Buch in seinen Sprung-Ergebnissen auch von Kapitel zu Kapitel zu protzigeren Übertreibungen neigte. Nein, mein 6 Monate altes Kind konnte nach dem Sprung weder stehen noch laufen - aber ich war trotzdem froh, ihn überlebt zu haben. Gemischt mit den Zähnen waren diese Schübe jedenfalls eine echte Grummelmamaherausforderung. Und als die Autoren auf der letzten Seite nach dem 55. Woche Schub auch noch still und leise darauf hinwiesen, dass noch 2 weitere Schübe folgen sollten, hatte ich wirklich die Schnauze voll von all dem. Und da schwor ich mir: Nie wieder ein Kind. DAS mache ich ganz sicher nicht ein zweites Mal mit. Um keinen Preis. Niemals. Ich bin doch nicht blöd!

Und als das Mäuschen dann da war, pustete ich den Staub von dem Buch und schlug es auf. Ich hatte verdrängt, was darin stand und ich war nicht sicher, ob ich die Erinnerung daran auffrischen wollte. Merkwürdigerweise hatte ich mittlerweile zwei dieser Bücher und konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann und woher das zweite dazugekommen war. An dieser Stelle muss gesagt sein, dass Mütter und Väter Gott sein Dank sehr viel von dem schnell vergessen und verdrängen, was sich während der Geburt und die Monate danach so abspielt, sonst wäre dieser Planet wohl nur von Waschbären und Tauben bewohnt. Doch als ich das Buch wieder in den Händen hielt und die ersten paar Seiten überflogen hatte, wurde mir ganz schlecht. Und wir sprechen hier nicht von einer "Oh Mist, ich habe vergessen, Oma anzurufen"-Übelkeit, sondern von der ausgewachsenen "Oh Gott, morgen früh ist mündliche Prüfung und ich habe dieses Kapitel vergessen zu lernen"-Übelkeit. Kurz überlegte ich schon, ob ich das Mäuschen vielleicht noch gegen einen Gutschein eintauschen könnte - aber merkte schnell, dass sich niemand auf diesen Handel einlassen würde. Also hieß es: Volle Schubkraft voraus in die nächste Sprungrunde.

Und siehe da: Das Mäuschen schubte nicht wie die große Schwester. So oft ich auch blätterte und rechnete und las, kein Schub wurde derart ausgelebt, wie ich es gewohnt war. Gegen Ende der Zeiten, die in dem Buch beschrieben waren, hatte sie ein bis zwei miese Tage. Aber nicht mehr. Auch die bisherigen sechs Zähne nahm sie relativ gelassen entgegen, obwohl sie die nach 11 Monaten Zahnlosigkeit innerhalb von 18 Tagen herbeigezaubert hatte. Und was soll ich noch sagen? Wir haben soeben das letzte Kapitel überlebt - und warten jetzt noch auf die zwei Schübe, die noch ohne Beschreibungen folgen sollen.

Am Ende kann ich sagen: Nie wieder ein Kind! DAS mache ich ganz sicher nicht ein drittes Mal mit. Um keinen Preis. Niemals. Ich bin doch nicht blöd!

Denn die negativen Erwartungen waren fast noch schlimmer als das, was tatsächlich passierte. Und allen Müttern, die diese Schübe, ob sie nun existieren oder nicht, noch vor sich haben: Keep calm and don't panic. Alles wird gut - und nach dem ersten Lebensjahr wirkt alles, was man bis dahin als unfassbar anstrengend empfunden hat, gar nicht mehr so schlimm. Großes Grummelmamaehrenwort.

Und wer jetzt denkt, dass der Schub EINES Kindes schon anstrengend ist, der kann HIER hautnah miterleben, wie und ob meine liebe Freundin Inmarcesible Zwillingsschübe übersteht!

Freitag, 6. September 2013

Namenlos

Man gewöhnt sich als Mutter ja an so einiges. An weniger Schlaf, mehr Wäsche oder weniger Freizeit. Man gewöhnt sich auch daran, dass man immer zuerst an die Kinder und dann erst an sich selbst denken muss. Aber an eine Sache werde ich mich wohl nie gewöhnen: Keinen Namen mehr zu haben.

Mit 18 fängt es ja schon an, das Elend. Als ich das erste Mal volljährigerweise im Wartezimmer des Frauenarztes saß und plötzlich meine Mutter aufgerufen wurde, obwohl diese gar nicht dabei war - und ich feststellte, dass die Helferin wohl MICH meinen musste. Frau Sowieso. Oh mein Gott. Ich war alt. Das Leben ging jetzt bergab. Falten, graue Haare, Rückenprobleme. All das lief wie eine Vorschau in meinem Kopf ab. Frau Sowieso. Da war ich also. Im Erwachsenenleben angekommen. Was ich immer wollte. Jetzt, wo ich ihn hatte, den Respekt von Gleichgestellten, wollte ich ihn nicht mehr haben.

Weiter ging es, als ich heiratete. Ich war nun nicht mehr Frau Sowieso, Freundin von Demunddem. Ich war Frau Dingsbums. Frau vom Mann. Am Telefon musste ich immer sagen: "Mein Mann wollte blabla", oder "Ja, mein Mann hat blabla". Grauenvoll. Ich kam mir schlagartig 10 Jahre älter vor UND musste mich auch noch an einen vollkommen fremden Namen gewöhnen.

Dann kam die Maus. Nun musste ich am Telefon sagen: "Ich wollte einen Termin für meine Tochter machen", oder "Meine Tochter soll blabla". Wieder 10 Jahre älter geworden. Ich sah mein Leben irgendwie im Schnelldurchlauf an mir vorbeiziehen, obwohl ich mich doch selbst kein Jahr älter als nach dem Abi fühlte. Warum begriff das nur niemand und übernahm all diese Erwachsenenaufgaben für mich?
Dann kam das Mäuschen und nun war ich Frau Dingsbums, Ehefrau und Mutter von zwei Töchtern. Wieder 10 Jahre drauf.

Als die Maus einige Zeit später sprechen konnte, war ich plötzlich nicht mehr nur Frau Dingsbums, ich war auch Mama. Manchmal auch Mami. Mamilein auch in seltenene Fällen. 10 Jahre mehr und wieder das Gefühl, meine eigene Mutter zu sein.

Der vorläufige Höhepunkt war erreicht, als die Maus in den Kindergarten kam... Warum?
Früher ging ich durch die Stadt und ich traf Leute. Freunde, Bekannte von mir oder meinem Freund. Und sie sagten zu einander "Hey, das ist doch die Dingens!". Heute gehe ich durch die Stadt und treffe Leute. Freunde, Bekannte von der Maus. Und sie sagen zueinander "Hey, das ist doch die Mutter von Maus!". Und folgendes Wort schreibe ich wirklich nur ungern. BÄMM. Wieder 10 Jahre drauf. Mindestens.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich werde schon so lange nicht mehr bei meinem Vornamen genannt, dass ich ihn selbst manchmal gar nicht mehr weiß. Der Mann sagt ihn auch selten bis nie, was mir immer dann auffällt, wenn er es doch einmal tut. Fremd klingt er dann und ein bisschen seltsam. Nein, er nennt mich auch nicht "Mutti", "Hasenpups" oder gar "Mamabär". Sonst wäre ich schnell wieder Frau Sowieso, geschiedene Dingsbums. Er sagt ihn einfach nur selten. Sehr selten. Aber vielleicht ist das ganz gut, dann nutzt er nicht so schnell ab.

Denn ich brauche ihn ja noch. Für die Zielgerade des Elends - wenn Maus und Mäuschen in die Pubertät kommen und es plötzlich cooler finden, mich beim Vornamen zu nennen.
Und ich weiß schon jetzt: Ich werde wohl nie älter sein, als ich mich dann fühlen werde.

Mittwoch, 7. August 2013

Erziehung?

Vor ein paar Tagen habe ich mich mit der Maus mal wieder ins Freibad getraut, immer im Stillen hoffend, dass dieser Besuch der Letzte für diesen Sommer sei. Im Grunde war zu Anfang auch alles okay. Es war nicht zu voll, nicht zu warm, nicht zu laut. Mann und Mäuschen haben wir kurzerhand zu Hause gelassen, um das Stresspotential zu minimieren und so konnte ich einfach das tun, was ich dort immer tue:
besonnenbrillt und mit der Aufmerksamkeit eines Erdmännchenweibchens auf einer Bank am Rand des Kinderbereichs sitzen und mit Tunnelblick die Maus im Auge behalten. Es war allerdings nicht so ein Kindereintopf im Becken wie sonst, so dass Zeit blieb, mir auch die fremde Brut etwas zu betrachten. Wie immer gab es die Spielsachenmopser, die übertriebenen Wasserpistolisten, die niedlichen aufgerüschten Badenixen, die schüchternen Sitzerchen und die sehr lauten Planschegeister. Zu laut. Maus gehört dazu.

Doch an diesem Tag stach ein Kind besonders aus dem Tumult heraus: Ein etwa 9jähriger Junge, offentsichtlich mit Down Syndrom, spielte im Babybecken mit einem Eimer. Soweit die Fakten, die die meisten Eltern registrierten. Dann die Fakten, die die meisten Eltern als nächstes präsentiert bekamen: Der Junge rastete plötzlich komplett aus und fing an, die kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Jungs um ihn herum wirklich ziemlich brutal zu schlagen - bis sein (auch noch) dunkelhäutiger Vater entsetzt ins Becken rannte und ihn von den anderen trennte. "Wie kann man mit so einem Kind nur in ein Schwimmbad gehen?". "Die sind doch alle so brutal, ganz schlimm". "Warum war der Vater nicht direkt bei ihm, war ja klar, dass das nicht gut geht!" - solche und noch uncharmantere Sätze brummelten die Mütter um mich herum ihren Erdmännchenweibchennachbarinnen zu.

Und ich hätte gerne gekotzt. Entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber das ist etwas, was mich einfach unfassbar krankärgert. Denn das, was zwischen Fakt 1 und Fakt 2 passiert ist, ist scheinbar niemandem außer mir aufgefallen: Die kleinen und nicht mehr ganz so kleinen Jungs, auf die der Down-Junge losgegangen war, hatten ihn die ganze Zeit geärgert, mit Wasser bespritzt und beschossen und ihm Dinge zugerufen, die ich nicht verstehen konnte. Und er ließ sich diese Behandlung auch wirklich eine Weile gefallen, doch dann wurde es ihm einfach zu viel, er fühlte sich sichtlich bedrängt und sah rot. Was ich komplett verstehen kann. Und dann war er den Kindern körperlich überlegen, eben weil er ein paar Jahre älter als sie zu sein schien.

Leider war der Papa mit seinem Sohn weggestürmt, bevor ich die Sachlage aufklären konnte, was ich wirklich gerne getan hätte - und noch jetzt ärgere ich mich, dass ich nicht einfach eingegriffen und die Jungs zum Aufhören ermahnt habe, aber sich in solche Dinge einzumischen wird einfach nicht gerne gesehen am Muddipasstnuraufihrblagaufbecken. Und ich frag mich nun nicht, wie man mit so einem Kind nur in ein Schwimmbad gehen kann oder denke, dass "die" doch alle so brutal sind oder warum sein Papa nicht direkt bei ihm war, weil er sich doch hätte denken können, dass das nicht gut geht - ich frage mich völlig sprachlos, wo denn die Eltern der Jungs waren, die in aller Seelenruhe einen Jungen piesacken und ärgern konnten, ohne dass ihnen Mutter oder Vater klarmachen, dass sowas einfach aller unterste Schublade ist?

So läuft es so oft. Und hier versagt die Erziehung total. Und genau aus solchen Gründen wird es nie ein richtiges und respektvolles Miteinander geben können. DAS gehört für mich eben zu einer guten Erziehung dazu. Hier hat ganz klar die Gesellschaft versagt. Nicht der Papa des Jungen, der einfach nur einen schönen, vielleicht letzten Hochsommertag für dieses Jahr haben wollte. Kinder wissen es vielleicht noch nicht besser, aber die Reaktionen der Frauen um mich herum zeigen leider deutlich, welcher Art die Aufklärung sein wird, die sie ihren Kindern zukommen lassen werden.

Leute, denkt doch einfach mal nach, bevor ihr so, entschuldigt, bescheuert seid und die schlimmsten Vorurteile, die es gibt, auch noch an eure Kinder weiterreicht. Danke.