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Montag, 11. November 2013

Laternendings

Letzte Woche war es bei uns wieder soweit: Laternenfest im Kindergarten. UND in der Kita. Am selben Tag. Zur fast selben Uhrzeit. Hier bei uns heißt dieses Ereignis nicht St.Martin, es reitet niemand auf einem Pferd und es wird am Ende des Umzugs auch kein großes Feuer entfacht. Zu meiner Zeit (vor etwa 300 Jahren) war das noch so. Schöne, neue Welt.

Seit die Maus im Kindergarten ist, wurde keine einzige Laterne gebastelt. Zum Glück liebt sie aber ihr gutes Stück aus der Kita heiß und innig und weigerte sich sogar beharrlich, eine neue Laterne zu kaufen. Und nein, ich bastele keine Laternen mit meinen Kindern. Ich bin die Grummelmama. Die kann nicht basteln. Die kann nur fluchend Tonpapier durchs Zimmer werfen, das dann nicht wegsegelt, weil es an ihren Fingern kleben bleibt. Und keiner, wirklich KEINER will das erleben. Also kaufen wir - oder lassen basteln.
Das Mäuschen hingegen hat in der Kita mit ihren 14 Monaten tatsächlich eine Laterne zusammengeschustert, was ihre große Schwester auch schwer beeindruckte. Natürlich wurde ihr verheimlicht, dass das Mäuschen, genau wie sie selbst damals, lediglich ein paar Buntstiftstriche auf ein durchscheinendes Papiert kritzelte und der Rest von den Erzieherinnen erledigt wurde.

Um 17h sollte also das Fest in Mäuschens Kita starten, eine halbe Stunde später das der Maus. Also stiefelten der Mann und ich zusammen mit den Mäusen los, um mal so richtig Laterne zu feiern. Im Garten der Kita war schon eine Menge los, die Maus rannte gleich mit ihren alten Kollegen durch die Gegend und amüsierte sich, während das Mäuschen eigentlich nur eins tat: sich fragen, was zum Geier wir hier eigentlich wollten. Der Garten ihrer Kita voller fremder Leute, Mama, Papa und Schwester dabei, überall trugen fremde Kinder leuchtende Papierkugeln durch die Gegend und dann fingen die Erzieher auch noch an, ein Lied nach dem anderen in ein komisches Gerät zu singen, das ihre Stimmen total laut werden ließ. Und daneben stand ein großer Tisch voller Essen, das man aber nicht nehmen durfte. Und ständig wurde versucht, einem dieses leuchtende Ding in die Hand nötigen und einen damit zum herumlaufen zu bewegen. Voll blöd. Mäuschen wollte nur eins. Weglaufen. Egal wohin, nur schnell. Und da der Mann und ich das verhindern wollten, durfte sie auf dem Arm ihrem Ärger Luft machen. Als es dann endlich nach ewiger Singerei (von Liedern, die überraschend unfassbar viele Strophen hatten, die die Erzieher auch ungerührt ALLE durchzogen) zum kleinen Umzug durch den Garten gehen sollte, liefen wir ein bisschen zur Tarnung mit, um am Gartentörchen schnell die Biege zu machen. Schließlich hatten wir noch viel vor. Partyhopping der Grummelklasse.

Schwupps war das gestresste Mäuschen im Buggy und wir eilten den vielen Eltern mit belaternten Kindern hinterher zum anderen Nicht-Martins-Umzug. Mittlerweile war es ziemlich dunkel und die Maus freute sich wie doof, zu ihren Freundinnen zu stoßen und mit ihrer uralten Kitalaterne zu prahlen - die unter uns gesagt wirklich nicht mehr pralle aussieht, aber was macht das schon, wenn die Besitzerin ein gutes Ego hat?
Der Umzug des Kindergartens ist immer ein etwas größeres Event. Eine Ewigkeit ziehen sehr viele Eltern mit sehr vielen Kindern in der Kindergartengegend umher und singen (die gleichen Lieder wie in der Kita, nur mit schon wieder ganz anderen Strophen! Die sind doch alle frei erfunden!). Die Maus lief alleine mit ihren Freundinnen umher, ich mich mit dem Mann und dem Mäuschen eher im Hintergrund haltend. Das Mäuschen kapierte immer noch nicht, was das hier alles sollte, was man seinem Gesichtsausdruck auch bestens entnehmen konnte. Jetzt liefen da ganz viele Große und Kleine mit diesen Leuchtdingern immer im Kreis auf den Wegen, auf denen man sonst zum Einkaufen oder zum Mausabholen spazierte? Das wurde ja immer merkwürdiger!

Später ging es dann in den mit vielen Laternen erleuchteten Garten des Kinderhauses, wo wieder gesungen und dann endlich auch gegessen wurde. Das stimmte das Mäuschen denn auch kurz fröhlich. Den Mann allerdings weniger, denn es gab Schmalz- und Butterbrote. "Die Schmalzbrote sind selbstverständlich vegetarisch!". Dieser Satz der Kinderhausleiterin war es, der dem Mann den letzten Spaß nahm. Der Mann ist karnivor. Und ist überhaupt nicht amused bei der Kombination der Worte "Schmalz" und "vegetarisch". Daher schickte ich ihn und das Mäuschen kurzerhand nach Hause, bevor die Situation eskalieren konnte und suchte die drei einzigen Mütter, mit denen ich mich wirklich gut verstehe. Es sind auch Grummelmütter. Perfekt, oder? So wurde es dann auch noch echt lustig. Unsere Kinder waren in der Dunkelheit des Gartens verschwunden und wir hatten es uns dieses Jahr auch nicht mehr zur Aufgabe gemacht, hinter ihnen herzulaufen und aufzupassen. Komme, was wolle - wir wollten einfach unsere Ruhe, ein bisschen quatschen und viel zu süßen Kinderpunsch trinken. Neben uns stand ein Vater neben einem anderen dieser recht seltenen Spezies auf solchen Festen und sagte "Das ist ja die reinste Hölle hier! Wie kann meine Frau das nur jeden Tag mitmachen ohne verrückt zu werden?" und eine meiner Grummelmütter sagte laut "Das wird sie doch! Jeden Tag! Kapiert er das nicht?" - und wir lachten und lachten. Verzweifelt, zustimmend und vielleicht etwas übertrieben laut.

Und als die Maus und ich dann viel zu spät nach Hause schlenderten - wir waren mit die Letzten gewesen - merkte ich, dass es doch ein ganz witziger Tag gewesen war. Anstrengend, aber unterhaltsam. Und ich merkte, dass alles einfacher wird, wenn die Kinder größer werden. Und ein klitzekleines bisschen freue ich mich auf das nächste Laternenfest. Aber pssst, nicht verraten. Ich habe einen Ruf zu verlieren!

Freitag, 8. November 2013

Pssst, Weltspartag!

Man sagt ja immer, Deutschland wäre ein sehr kinderfeindliches Land. Kindergarten-Bauvorhaben werden durch Klagen gestoppt, überall stehen die berühmten "Rasenfläche betreten verboten" - Schilder, richtige Kinderecken sind Raritäten in Restaurants oder öffentlichen Gebäuden, normal sind eher Kistchen mit abgeranzten Büchern oder Spielen, um das schlechte Gewissen zu beruhigen oder ein Häkchen hinter einen imaginären "to do" - Punkt zu machen. Aber wer macht dieses Land zum vermeintlichen Kindermuffelland?

Wir spazierten am Weltspartag mit Maus und Mäuschen zur örtlichen Sparkasse, um das Geschenk für die Maus abzugreifen und ihre schwarze Plastiksau schlachten und daraus ein Sparbuch machen zu lassen. Zunächst war auch alles noch ganz schön. Das Mäuschen sah auf Papas Arm putzig aus, die Maus suchte sich mit leuchtenden Augen ein Playmobil Spielzeug aus und wartete, während die Bankangestellte das armselige Kleingeld des Schweines durch den Zählautomaten jagte. Dann kam ein anderer Angestellter, der uns in einen seperaten Kundenraum brachte, um die Sparbuchangelegenheit zu klären. Dazu bräuchte er einen Kinderausweis oder das Stammbuch. Blöd. Daran hatten wir natürlich nicht gedacht. Der Mann erklärte sich dazu bereit, schnell nach Hause zu flitzen (etwa 3 Gehminuten) um es zu suchen. Entgeistert machte ich meinem tiefen Wunsch Luft, er möge das noch niedliche Mäuschen bitte beim Flitzen mitnehmen. Der Wunsch wurde mir noch erfüllt. Bis dahin alles prima.Warum ich das erzähle? Wartet, kommt gleich.

Ich saß also auf dem geschäftlichen Wippstuhl im seperaten Kundenraum, der Bankangestellte saß hinter seinem Schreibtisch und wir übergrinsten hüstelnd und schulterzuckend die unangenehme Stille im Raum. Die Maus betrachtete still und ruhig ihr Geschenk und kapierte so gar nicht, warum wir eigentlich noch hier rumhingen. Und dann... Dann wurde ihr langweilig. Und mein sonst so altkluges und großes Kind fing plötzlich an, sich wie ein Kleinstkind zu verhalten. Krabbelte durch den Raum, aus dem Raum, unter den Schreibtisch des wartenden Bankkerls, schlug ihren Sparkassen-Luftballon überall dagegen, kicherte wie eine Irre und redete dabei mit mir wie eine Zweijährige, was mich echt zur Weißglut treibt. Das schlimme an so einer Bank ist ja, dass es so ruhig ist! Unglaublich ruhig! Ist man als Doppelmutter überhaupt nicht mehr gewöhnt, so ein stiller Ort mit stillen Menschen, die stille Dinge still erledigen! Und wegen ebendieser Stille traute ich mich auch nicht, die Maus mit mehr als zischenden Mama-ist-stinkig-Lauten zu beschießen oder böse Blicke zu versenden. Normal reicht das auch aus, doch in dieser Stille sah meine Maus wohl die Chance, mal so richtig auf die Kacke zu hauen und machte einfach weiter. Nun gallopierte sie quiekend durch die Bank, die Angestellten lächelten gezwungen und mir bracht der Schweiß in Sturzbächen aus. Nach gefühlten Stunden war der Mann noch immer nicht da und mir taten schon die Schultern vom vielen Zucken weh und ich fragte unseren Bankkerl hoffnungsvoll, ob er nicht noch etwas anderes zu tun hätte (als saublöd vor mir zu sitzen und mich mitleidig anzusehen). Nein. Hätte er nicht. Keine Sorge. Prachtvoll.

Nach unfassbar vielen gefühlten Stunden, also 5 Minuten später, kam dann doch der Mann mit dem Stammbuch angetrabt. Der Bankkerl freute sich mindestens so wie ich darüber und durfte sich endlich ans Werk machen. Doch auch das dauerte wieder. Die Maus, durch die Anwesehnheit des Papas etwas zur Ruhe gebracht, langweilte sich mittlerweile wirklich sehr und auch das Mäuschen hatte keine Lust mehr, niedlich auf Papas Arm auszusehen und beschloss, lieber nörgelnd und nölend von Papas Arm zu wollen. Um uns herum immer noch Bankstille. Irgendwann hatten wir dann irgendwie alles erledigt, haben jetzt irgendein Sparbuch zu irgendwelchen Konditionen mit irgendeinem Betrag darauf - und konnten endlich die Bank verlassen.

Und die Moral von der Geschicht?
1) Das Bankgeheimnis wäre gelüftet, das stille Örtchen ist gar nicht die Toilette!
2) Ob Deutschland wirklich kinderfeindlich ist, weiß ich nicht - aber alleine das Gerücht machte mich zur Mittäterin, denn ob all das, was das Mäuschen in der Bank anstellte, nun wirklich so schlimm gewesen wäre, wären wir eben NICHT in einer Bank gewesen, wage ich zu bezweifeln.
3) Seriöse Erledigungen wie Bankgeschäfte sind KEINE Kinderbespaßungen, auch nicht am Weltspartag.

Ich lerne aus solchen Ereignissen eigentlich immer, dass wir hier in Deutschland viel zu unentspannt mit allem umgehen. In anderen Ländern ist es vollkommen normal und sogar mehr als freudig geduldet, dass überall Kinderlachen und Gekicher ertönt - auch an Orten, an denen das normal gar nicht der Fall ist (oder vielleicht sogar BESONDERS an solchen Orten). Kinder dürfen toben, laut sein, sich freuen, lachen, hüpfen und springen - und uns unentspannten deutschen Eltern sollte das eigentlich weder peinlich sein noch Schweißsturzbäche hervorrufen. Aber irgendwie kann ich das nicht. Noch nicht. Aber ich versuche ehrlich, daran zu arbeiten. Und wenn wir alle, Eltern, Bankkerle, Kassiererinnen, Leute in Wartezimmern oder Menschenschlangen, Nutzer von öffentlichen Verkehrsmitteln, speisende Menschen in Restaurants oder ruheliebende und unbekinderte Nachbarn zusammen daran arbeiten, dann werden wir vielleicht bald auch ein Land, in dem Kinderlachen den Alltag dominiert und nicht das ewige "Psssssssst" von unnötig gestressten Grummelmüttern wie mir. Wäre doch irgendwie schön, oder?